Kiel

Sie sind zwei alte Kameraden aus jenen zwölf Jahren, die beide einst für Deutschlands große Zeit hielten. Jetzt gerieten sie sich da oben in Schleswig-Holstein in die Haare und führten die Christlich-Demokratische Union fast an den Abgrund: Ministerpräsident Helmut Lemke, zugleich CDU-Landesvorsitzender, und Staatsrat Walter Mentzel, der Vorsitzende der Landtagsfraktion im Kieler Abgeordnetenhaus.

Beide gehörten der NSDAP an und zählten sich einst zum Establishment der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Lemke als Bürgermeister von Eckernförde und Schleswig, Mentzel als Bürgermeister von Kiel und zwischendurch als hoher Besatzungsbeamter der Zivilverwaltung im Baltikum. Und dieser letzte Punkt war es, der bei dem holperigen Personalschub im Norden die Regierungspartei seit 1950 einer Zerreißprobe wie nie zuvor unterwarf.

Fraktion und Parteivorstand hatten noch mitgemacht, als Dr. Lemke den Reeder aus Leidenschaft, Knud Knudsen, durch Justizminister Gerhard Gaul als Wirtschaftsminister ersetzte. Dann aber, als der Regierungschef den Dorfpastor Kurt Hannemann aus Lemkes Wahlkreis Bad Segeberg als Kultusminister einsetzte, wurden die christlichen Parteifreunde unruhig. Der CDU-Ortsverband in Kiel und die Junge Union muckten auf. Sie hielten den Pastor für nicht gerade geeignet und verlangten einen Sonderparteitag.

Nachdem jedoch Hannemann trotzdem installiert war, galt es, den glücklosen Kultusminister Claus-Joachim von Heydebreck zu versorgen. Im Justizministerium am Kleinen Kiel wartete ein freier Sessel auf einen neuen Mann. Es traf sich, daß ein Teil der CDU-Landtagsfraktion auf Fraktionsverjüngung drängte, auf Ablösung des siebzigjährigen Mentzel. Es traf sich ferner, daß Landtagspräsident Dr. Paul Rohloff gern Justizminister geworden wäre. Die einfache Lösung bot sich an: Mentzel zum Landtagspräsidenten und Rohloff zum Justizminister zu machen und statt Mentzel schließlich den Flensburger Landrat und CDU-Abgeordneten Gerd Lausen an die Fraktionsspitze zu setzen.

Da aber formulierte Innenminister Hartwig Schlegelberger, der stellvertretende Regierungschef, einen gesalzenen Brief, den Lemke unterschrieb und per Kurier nach Eckernförde zu Mentzel schicken ließ, obwohl dieser sich gerade in Kiel – eine Etage über Dr. Lemke – auf eine Fraktionssitzung vorbereitete. Im Brief ist von dunklen Flecken in Mentzels Vergangenheit die Rede und davon, hochgestellte Persönlichkeiten – es war wohl ein weiterer Landesminister – hätten davor gewarnt, Mentzel zum Landtagspräsidenten zu machen.

Es gibt keinen Zweifel darüber: in seiner gesamten politischen Laufbahn hat sich der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein nicht so geschadet wie jetzt durch diesen Brief. Er wie auch Mentzel waren in der NSDAP, und viele andere aus der CDU-Spitze zeigten sich in jenen Jahren genauso aktiv. Die im Zusammenhang mit dem Brief entstandene Überlegung, nun dürfe nicht noch ein weiterer Mann von damals avancieren, zieht vor diesem Hintergrund nicht. Man solle doch das Kind beim Namen nennen, so argumentiert man in der Kieler CDU: Es war eine simple Personalintrige. Sie war es wohl um so mehr, weil Kai-Uwe von Hassel, als ehemaliger Regierungschef, Mentzel ein Ministeramt in die Hand versprach. Sein Nachfolger Dr. Lemke aber ernannte den Fraktionschef zum bislang einzigen Staatsrat in westdeutschen Landen, um Titelglanz zum Ausgleich zu geben.