Von Theo Sommer

Es hat in Prag zu Ostern keinen zweiten August gegeben, aber es fehlte nicht viel daran. Die sowjetischen Panzer standen einsatzbereit in ihren Kasernen; Truppenbewegungen wurden allenthalben aus der Tschechoslowakei gemeldet; drei russische Divisionen sollen frisch in das Land eingerückt sein. Die Kreml-Emissäre Semjonow und Gretschko drohten unverblümt mit der Errichtung eines sowjetischen Militärregimes. Abermals müssen Tschechen und Slowaken sich dem übermächtigen Zwang beugen.

Das tschechoslowakische Volk hat damit eine neue, bittere Station auf seinem Leidensweg erreicht. Seit dem Überfall vom 21. August 1968 sind ihm viele der Freiheiten, die es sich in den Monaten zuvor erkämpft hatte, Stück um Stück wieder entrissen worden. "Normalisierung", das bestätigt sich nun erneut, ist das, was die Sowjets darunter verstehen. Kein Kompromiß, den Prag ihnen abzutrotzen vermag, scheint mehr zu sein als bloß eine Vorschaltstufe zur nächsten Kapitulation.

Dieser Aspekt der jüngsten Entwicklung ist tragisch genug, aber er ist nicht der schlimmste. Gravierender noch sind die Schlüsse, die man aus dem neuerlichen sowjetischen Auftrumpfen für die nächste Zukunft des Ost-West-Verhältnisses ziehen muß. All die zaghaften Spekulationen, die noch vor kurzem über ein neues Tauwetter im Schwange waren, hat der Prager Osterfrost zunichte gemacht. Die Hoffnung trog, daß eine auf Ausgleich mit den Tschechoslowaken bedachte Kremlfraktion im Begriffe sei, sich durchzusetzen. In Wahrheit hat wohl die Fraktion der Harten die Oberhand gewonnen. Das aber bedeutet, daß auch einer auf Ausgleich zwischen Ost und West gerichteten Entspannungspolitik nur geringe Aussichten beschieden sind.

Offensichtlich ist die gegenwärtige Kremlführung unfähig, jene Gelegenheit zu einer fundamentalen Neuordnung der ost-westlichen Beziehungen zu nutzen, die der Wachwechsel im Weißen Haus eröffnet hat. Sicherlich tritt ein Teil der Führungsmannschaft dafür ein, und das mag auch einige der versöhnlichen Rauchsignale erklären, die Moskau in letzter Zeit gegeben hat. Der harte Flügel jedoch benützt diese Zeichen allenfalls zur Verschleierung der eigenen Unerbittlichkeit – und dazu, dem Westen die stillschweigende Duldung oder gar die ausgesprochene Billigung der sowjetischen Hegemonialbrutalität abzulisten.

Die Richtung wird heute von den Reaktionären bestimmt. Sie ziehen den gepanzerten Polizeikommunismus einem Kommunismus der Vielfalt – und einer Vielfalt von Kommunismen – vor; sie wollen von außen die innere Konformität im sozialistischen Lager erzwingen; und sie sagen mit der Konvergenzthese auch dem Konzept der Wettbewerbskoexistenz ab, an dessen Stelle sie wieder die Forderung nach unversöhnlichem Kampf gegen den "Imperialismus" setzen. Die Orthodoxie, die auf kurze Frist kein Risiko birgt, ist ihnen lieber als eine Auflockerung, die der Sowjetunion langfristig die einzige Chance böte, in ihrem osteuropäischen Vorfeld das Aufkommen eines rabiaten und explosiven Antisowjetismus zu verhindern.

Das Übergewicht des harten Flügels läßt sich an einer Reihe von Anzeichen ablesen.