Von Wolfram Siebeck

London, im April

Nach den Miniröcken, die es hier gottlob noch in aller Kürze gibt, haben die Londoner Camp erfunden. Camp ist nach Susan Sontag, die sich mit amerikanischem Eifer darüber hergemacht hat, eine ästhetische Kategorie von eminenter Wichtigkeit.

Die Engländer sind etwas nüchterner und sehen in Camp vor allem ein modisches Spiel, das darin besteht, die Dinge aufzuteilen in das, was Camp ist und in das, was nicht Camp ist: Gewisse alte Filme sind Camp, die meisten neuen sind es nicht. Ausgestopfte Eulen sind Camp, Gartenzwerge nicht; Italien ist Camp, Deutschland nicht, und wenn man sich den Hals bricht, muß es auf einer gotischen Wendeltreppe geschehen, wenn es Camp sein soll.

Wahrsagen ist natürlich sehr Camp, und die campigste Art, sich die Zukunft sagen zu lassen ist, zu dem Astrologen der Beatles zu gehen.

Er heißt Caleb Ashburton-Dunning und sieht aus wie Albrecht Dürer in seinen besten Nürnberger Tagen. Goldener Samt umschließt seinen schlanken Leib, und weich fällt ihm sein blondes Haar auf die Schultern, während sein dunkles in der Mitte straff gescheitelt ist.

Er hockt sich im Schneidersitz vor uns hin (der glückliche Zufall will es, daß ich nicht allein bin: zwei begeisterte Anhängerinnen des Minirocks sitzen neben mir auf dem Sofa) (Sofa ist Camp wenn Plüsch; Ledersofas sind nicht camp), legt ein in blauen Samt eingeschlagenes Buch neben sich und fragt mich, ob ich Münzen werfen kann.