Von Gustav A. Henning

Kein Wisent ist mehr so wild, daß es nicht auf einer Zuchtbuchkarte – blau für Bullen, rosa für Kühe – mit Name, Alter, Geschlecht, Wohnort, Größe und Gewicht, mit Vater und Mutter und Nachkommenschaft erfaßt, registriert und mit einer Zuchtbuchnummer versehen wäre. Wisente gibt es längst nicht mehr in Freiheit, nur noch in Zoos und Wildgattern. Die Anlage eines Zuchtbuches in den dreißiger Jahren ermöglichte die Züchtung und Erhaltung von Siegfrieds des Nibelungen Jagdwild bis auf den heutigen Tag.

Das Schicksal, wie preisgekröntes Rassevieh in Zuchtbüchern erfaßt zu sein, teilt mit dem Wisent seit einigen Jahren das Urwildpferd (nur wenig mehr als ein Dutzend lebt noch in Freiheit) und der Pater-Davids-Hirsch (in Freiheit ausgestorben). In jüngster Zeit kamen zwei Antilopen-Arten und ein Zwergbüffel hinzu, deren Bestände äußerst bedroht sind.

Offenbar wollen die Zoodirektoren nun nicht mehr warten, bis es mit einer Tierart für die Erhaltung im Tiergarten spät oder zu spät geworden ist. Denn aus dem soeben erschienenen Jahresband des "International Zoo Yearbook" (Band 9, 1969) geht hervor, daß die Anlage von Zuchtbüchern für Weitere achtzehn in Freiheit und Gefangenschaft seltenen Arten geplant wird.

Der Gorilla, der im Zoo hinter Glasscheiben oder Gittern hockt, wird bald etwas mit den Zoobesuchern gemeinsam haben: Beide werden gemeldet und Inhaber von Stammrollennummern sein, der Gorilla in der Kartei von Dr. Rosl Kirchshofer, Assistentin im Frankfurter Zoo. Dr. Heinz-Georg Klös, Direktor des Westberliner Zoos, ist vorgesehen, die Zoozuchten des Schwarzen und Weißen Nashorns und des Gaur, eines indischen Wildrindes, zu managen. Sein Ostberliner Kollege, Professor Dr. Heinrich Dathe vom "Tierpark Berlin", soll die Bücher über asiatische und afrikanische Wildesel führen.

Und auch im feinsten Düsseldorfer Restaurant wird sich niemand an seltenen Tigerrassen delektieren können: Dr. Vratislaw Mazak vom Prager "Institut für Systematische Zoologie" hat sie bald alle gezählt, sofern sie sich in der Obhut von Menschen, seien es Tiergärtner oder Privathalter, befinden. Um den Spring-Tamarin, ein erst 1904 in den Regenwäldern Nordwest-Brasiliens entdecktes Äffchen, wird sich Rainer Lorenz vom "Max-Planck-Institut für Hirnforschung" in Frankfurt am Main kümmern.

Noch vor einigen Jahren galt in der Tiergärtnerei das mittelalterliche Sprichwort "Wer’s Glück hat, dem kälbert ein Ochs". Doch in letzter Zeit hat die Tiergartenbiologie unwahrscheinliche Fortschritte gemacht. Heikle Arten, die früher nur für kurze Zeit und mit Mühe im Zoo zu halten waren, vermehren sich heute regelmäßig. Eine besonders glückliche Hand bewies Dr. Ernst Lang, Direktor des Baseler "Zolli", mit seinen erfolgreichen Zuchten des Gorillas, des Zwergflußpferdes und des indischen Panzernashorns. Er wird die Zuchtbücher führen für das im umkämpften Nigeria beheimatete Zwergflußpferd und das in Nordindien nur noch in kleinem Bestand existierende Panzernashorn.