Von Reimar Lenz

7. GESCHICHTE, WIRKLICHKEIT

B: Wenn ein Linker "Geschichte" sagt, so impliziert das immer schon eine bestimmte Geschichtskonzeption. Dieses. Geschichtsverständnis stammt aus der jüdisch-christlichen Tradition. Geschichte wird als Entwicklung von einem Ursprung zu einem Ziel hin verstanden, als linearer Prozeß, der – trotz möglicher Rückschläge – vorwärts, aufwärts führt. Das zyklische Denken der Griechen, das bei Nietzsche seine Renaissance erfuhr, die Zeiterfahrungen außereuropäischer Kulturen, zum Beispiel die Vorstellung eines Kreislaufes von Geburt und Tod, der erst mit dem Nirwana endet, die altindische Idee schließlich von der Verschränkung kosmischer Zyklen in einer Pluralität von Welten, die der Anschauung moderner Astronomie so nahe kommt – alles das kann ein Linker kaum nachvollziehen.

A: Mag sein, daß agrarisch-feudale Gesellschaften zyklisch-statische Vorstellungen der Zeit bevorzugen. Die aus Europa kommende Zivilisation kennt kein Zurück, sondern nur ein Fortschreiten der Naturbeherrschung, das fortschreitende Befreiung der Menschen möglich erscheinen läßt. Wer sich dieser Perspektive verschließt, betreibt die Geschäfte der Reaktion.

B: Und wer nur linear denkt, kann schlecht begreifen, daß ganze Kulturen trotz technischer Fortschritte seelisch auf der Stelle treten oder sich zurückentwickeln. Die Magie unserer Massenblätter ist über Steinzeitniveau kaum hinausgekommen, und diese Tatsache spricht nicht nur gegen den Kapitalismus, sondern vielleicht überhaupt gegen die europäische Zivilisation. Wäre es nicht an der Zeit, sich mit den perennierenden Mächten auseinanderzusetzen, die allem Fortschritt trotzen?

A: Mußt du immer mythologisieren?

B: Die Ursprungssagen, Mythen genannt, künden von Mächten, die potentiell dauernd in den Seelen wirksam sind. Ihre Zeit, die psychische Zeit, ist etwas anderes als die physikalische Zeit. Wenn es wahr ist, daß in einem linearen Kontinuum der jetzige Augenblick nur in seiner Funktion für den Fortschritt, für die Zukunft Bedeutung hat, diese logischerweise aber ihrerseits nur als Vorbereitungszeit anzusehen ist, leben wir stets in einem Gespensterzug von Vergänglichkeiten. Das Fortschrittsdenken ist es, das die Zeit annihiliert, weil es uns nie zu uns selber kommen läßt, immer von uns fort treibt. Erst der Augenblick, in dem die Zeitlosigkeit erfahren wird, hat demgegenüber wirkliche geschichtliche Bedeutung. Geschichte ist nicht interessant als Kette flüchtiger Einzelereignisse, sondern als Vorbereitung zeitloser Momente und als Erinnerung an sie. Alles ist immer jetzt – potentiell. Das erste Thema der Geschichte ist das Bleibende.