Von Hans Gresmann

Mao Tse-tung wird, wohl so lange er lebt, als der rote Kaiser von China ein Drittel der Menschheit beherrschen. Der Mann, der seit 34 Jahren an der Spitze einer kommunistischen Partei steht, die heute die größte der Welt geworden ist, hat sich in China gegen alle seine Rivalen durchgesetzt. Lange Zeit schien es, als ob er, der durch die Kulturrevolution den petrifizierten Parteiapparat hinwegschwemmen wollte, im kalkulierten Chaos, das er selber geschaffen hat, als politischer Führer selber ersticken würde. Heute weiß man, daß er – vorerst – gesiegt hat.

Auf dem 9. Parteitag der chinesischen KP – seit Jahren überfällig, dann mit großer Eile einbrufen – haben sich Mao und seine Herrschaftsclique eindeutig behauptet. 400 Millionen Menschen – so die Pekinger Verlautbarung – haben gejubelt, und eineinhalbtausend Delegierte haben beraten. Aber das Ergebnis dieser "Beratung" von Volksvertretern, die nicht gewählt, sondern ernannt worden waren, stand von vornherein fest: sie sollten jenes Parteistatut verabschieden, das Mao Tse-tung seinem chinesischen Volk als Testament hinterlassen will. Dieses Testament verordnet China erstens den Fortbestand der permanenten Revolution und zweitens einen festen Nachfolger, den General Lin Piao. Maos Programm macht Front gegen zwei Widersacher: den sowjetischen Revisionismus und den amerikanischen Imperialismus. Beide wollen, so heißt es, China "einkreisen". Die sozialistische Gesellschaft, wie sie Mao vorschwebt, sei noch für eine nicht absehbare Zeit von Klassenkämpfen bedroht – und, viel schlimmer, durch Umsturz oder gär Invasion. Um einer solchen Intervention, ins Werk gesetzt von Washington oder Moskau, Paroli bieten zu können, gelte es, "die Reihen fest zu schließen".

Von nun an wird ein kleiner Parteizirkel – genannt das "proletarische Hauptquartier" – über die Geschicke des Riesenreiches entscheiden. Und es erscheint schon heute sicher, daß Mao Tsetung und seine Getreuen die Grenzgefechte am Ussuri geschickt benutzt haben, um in China eine nationalistische Solidarität herbeizuführen.

Der 9. Kongreß der chinesischen Kommunisten stand unter dem Siegel der Verschwiegenheit Aber es gibt nicht wenige Andeutungen, die darauf schließen lassen, daß dieser Parteitag auf der einen Seite eine Konsolidierung bewirken, auf der anderen Seite jedoch die Rückkehr zur politischen "Normalität" Chinas einleiten sollte. Nicht nur Mao Tse-tung hat sein Diktat manifestiert, sondern – und das ist für die Zukunft der wohl interessanteste Aspekt – auch Tschu En-lai hat sich behauptet. Und durch den Gegensatz dieser beiden Führer, des Revolutionsapostels auf der einen Seite und des pragmatischen Politikers auf der anderen, wird der künftige politische Kurs Pekings bestimmt werden.

Schon heute, bestätigt durch den Parteikongreß, versucht die Pekinger Führung Einfluß in Südostasien zu gewinnen. Aber solange Mao Tsetung auf seinem politischen Schema beharrt, daß China und die anderen Teile Asiens nur durch eine permanente Revolution, also durch Befreiungskriege, die Thesen des Marxismus/Leninismus wirklich erfüllen können, wird er außerhalb seines Machtbereichs kaum Einfluß gewinnen. Erst wenn Mao stirbt – oder vielleicht noch bevor er stirbt – werden jene chinesischen Pragmatiker wieder an Boden gewinnen, die schon heute der Meinung sind, daß nicht Ideologie, sondern nüchterne Machtpolitik die chinesische Asienpolitik bestimmen sollte.