Razzia der "Rheinarmee" – Protokolle aus der Unterwelt (III)

Von Ben Witter

Berlin

Ich wollte zu Hauptkommissar Meier. "Sie haben sich im Stockwerk geirrt", erklärte ein Beamter – in einem Glaskasten, "hier ist die Staatsschutzpolizei."

Als ich die Treppen hinunterging, kam mir ein alter Mann entgegen. Zwei Herren hatten ihn in ihre Mitte genommen und drehten sich nach mir um. Der alte Mann, ein dreiundsiebzigjähriger Rentner, stand unter dem Verdacht der geheimdienstlichen Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit in Ostberlin. Er hatte bei einer alten Frau in Charlottenburg gewohnt. Die alte Frau entdeckte beim Saubermachen in seinem Zimmer ein paar Zettel mit merkwürdigen Kritzeleien. Sie wurde neugierig, steckte die Zettel in ihre Schürzentasche und erzählte es einem Wachmann von einer Wach- und Schließgesellschaft. Der Wachmann rühmte seine guten Beziehungen und unterrichtete einen Mann von den Zetteln, der ihm immer wieder gesagt hatte, wie verdient sich Wachmänner machen könnten. Dieser Mann schaltete die Staatsschutzpolizei ein.

Die Ermittlungen ergaben, daß der Rentner ein alter Kommunist ist. Mehr konnte die Staatsschutzpolizei über seine Vergangenheit bis Kriegsende nicht herausbringen. Vor einigen Jahren hatte er unter dem Verdacht der Zuhälterei im Zoogebiet gestanden und pornographische Filme vorgeführt. 1955 war er mit dem Freiheitsschutzgesetz in Konflikt geraten, und 1957 bestand der Verdacht der geheimdienstlichen Tätigkeit. Das Bundesgericht in Karlsruhe hatte sich damit befaßt, das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

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