Von Karlheinz Scherler

Deutsche Segelfliegerei – man kann nicht umhin, an Vergangenes zu denken. An Vergangenheit mit Gegenwart. Doch auch mit Zukunft? Ein Substantiv, dem das Adjektiv einst Wert und Geltung verlieh; ein Begriff, der menschenalte Wunschträume erfüllte, der für Kühnheit und Fortschritt bürgte.

Nach Jahrtausenden zum Himmel drängender Phantasie, nach Sagen, Mythen und Gerüchten, nach Ikarus und dem Schneider von Ulm waren um die Jahrhundertwende Lilienthals erste Flugsprünge richtungweisender Anfang der Epoche des Fliegens. Den Zeiten des Laufens und Fahrens entwachsen und überdrüssig, begehrte der Mensch die höhere Freiheit, den Himmel für sich. Wie stets erwies sich auch dieses Mal die Suche nach Freiem als illusionär, denn das Zeitalter freien Fluges endete, ehe es richtig begonnen hatte.

Und dieses ist Tatsache. Unleugbar gilt sie allem, was da fliegt. Starfightern in besonderem Maße wie Linienjets; Geschäfts- und Sportmaschinen wie Segelflugzeugen. Sie haben alle nur einen Himmel. Einen verplanten, knapp bemessenen obendrein. Miteinander teilen müssen sie ihn, die Stärken mit den Schwachen, die Schnellen mit den Langsamen. Daß man sich dabei arrangiert, versteht sich. Doch das Wie, das Wer mit Wem schafft Probleme, bringt Note;

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Motor des Segelfluges ist die Natur, der leistungsstärkste Antrieb, den man sich denken kann. Aber dieser ist eigenwillig. Er muß sich anbieten, man muß ihn sich dienstbar zu machen wissen. Gewaltige, ungebrochene Naturkräfte heben Segelflugzeuge in Höhen von 14 000 Metern, tragen sie über Strecken von 1000 Kilometern und mehr, erlauben durchschnittliche Fluggeschwindigkeiten von über 100 Stundenkilometern. Lange nicht sind die Grenzen natürlicher Möglichkeiten erschöpft. Noch toben, weit oben am Rande der Atmosphäre, im Segelflug kaum genutzte Strahlströme ungeheurer Gewalt. Wohl kaum sind die Möglichkeiten des Wellensegelfluges, der Höhengewinne von mehreren Tausend Metern bringt, bekannt, geschweige denn erschlossen. Unaufhörlich gibt Natur sich unerschöpflich dem Menschen preis.

Aber – deutschen Segelfliegern sind diese phantastisch anmutenden Naturkräfte in unbegrenzter Freiheit nur vom Hörensagen bekannt. Damit in Neid erregender Fülle gesegnet sind Regionen wilder Ursprünglichkeit: die Sandsteppen Rußlands, die Wüsten Afrikas, die Bergwildnis der Sierra Nevada. Über alle Zivilisation, ihrer zwingenden Ordnung und ihren Gesetzen herrscht hier noch die einst hochgepriesene Freiheit der Lüfte. Grenzenlos erscheinende Möglichkeiten in schier unbegrenztem Raum. Deutschen Verhältnissen verglichen erfüllt sich nur hier noch die überlieferte Vorstellung vom freien Himmel.