Von Karl Günter Simon

Mein Vater exportierte westfälischen Speck", sagt er, "von da habe ich das Verhältnis zur Ware." Seine Mutter begleitete Richard Tauber auf dem Klavier. Von da kommt ihm der Musenkuß.

Charles Wilp, das siebenunddreißigjährige Werbe-Wunderkind, hat wieder einmal zugeschlagen: Am 15. April werden in den Regalen der "Deutschen Supermärkte" Fernsehmonitore stehen und die Kunden mit farbiger Werbung berieseln. "Es ist doch Unsinn", sagt Wilp, "den Leuten am Abend vorher zu erzählen, was sie kaufen sollen. Wir können sofort senden, wenn das Schweinefleisch billiger wird, oder wenn ein Kind verlorengeht. Wir müssen die Distanz zwischen Appell und Ware dramatisch verkürzen!"

Hinter der Colorama GmbH, die Wilp für 250 000 Mark mit der Entwicklung der "Regal-TV" beauftragt hat, stehen die Commerzbank und General Electric. Werbefilme und Livesendungen sollen in einem eigenen Studio in Bochum produziert werden! Übertragen wird per Kabel. Beliefert werden zunächst die 130 Filialen der deutschen Supermarktkette; aber Wilp will mehr: Er will auf dem Gelände einer stillgelegten Zeche in Oberhausen den Sender "Sonne und Mond" errichten, der Werbung und Pop-Programme produzieren soll, die er dann an die Supermarkt-Television verkauft. Wilp ist, mit 15 Millionen Mark Jahresetat, einer der bestverdienenden Köpfe der Werbebranche. Er gilt als Avantgardist und als Außenseiter – und er pflegt dieses Image ganz be-

wußt: "Ich verhalte mich antizyklisch – es ist doch ganz klar: Wenn ich die Autobahn nicht um fünf Uhr benutze wie alle anderen, komme ich viel schneller vorwärts." Das Antizyklische läßt er schon in der Biographie beginnen: Sein erstes Rüstzeug habe er bei den Jesuiten in einer Klosterschule der Bretagne erworben, dann vier Semester Psychologie und Jura in Aachen, den Chefredakteur der "Eleganten Welt" traf er bei einer Beerdigung und fortan photographierte er Prominenz. Das tut er noch heute. Bei allem was er tut – sein Arbeitskostüm, ein gelber Warnanzug, der aus einem Atomreaktor stammt, unterscheidet ihn von aller anderen Prominenz. "Das Gelb bedeutet: Achtung, Gefahr! Letzte Woche bin ich damit auf dem Roten Platz herumgelaufen."

Genauso sind seine Arbeitsmethoden. Mit Marktforschung und Mediaplanung, in die große Werbeagenturen große Mittel investieren, gibt er sich gar nicht erst ab. "Die Marktforscher und Mediaplaner", sagt Wilp, "handeln doch nach dem Prinzip der identischen Reproduktion." Das lehne er ab. "Wenn zum Beispiel die Marktforscher sagen, Afri-Cola sei für junge Leute, dann müßten auf der Anzeige lächelnde junge Menschen erscheinen. Und wenn die Mediaplaner sagen, Afri-Cola sei ein Getränk für heiße Tage, dann müßte die Anzeige im Hochsommer in den Zeitschriften stehen. Ich mache das Gegenteil: Ich photographiere Afri-Cola mit Nonnen und verbinde das mit Rausch. Ich nehme nicht einen Mann mit zwei Mädchen, was üblich wäre, sondern ein Mädchen mit zwei Männern. Keinen Neger als Symbol für sexuelle Potenz, sondern einen blonden Westfalen." Die Anzeigen – mit dem Satz: "Erfrischung auch bei schlechtem Wetter" – placiert er ganz beliebig. Sogar Druckfehler lasse er stehen, denn ein falschgedrucktes Wort sei doch oft viel "menschlicher", und aus Fehlern entstünden oft die schönsten Dinge.

Kreativität ist Wilp am wichtigsten.