Von Werner Höfer

Das Lager der Opposition erhielt einige unerwartete Verstärkungen, die den Schwächezustand der französischen Linken zumindest ausgleichen. In weiten Schichten des Mittelstandes, beim Handwerk und Gewerbe, die den schnellen Veränderungen der Zeit nur mühsam folgen und immer häufiger ihren Protest auf die Straße tragen, macht folgendes Argument gegen die Regionalreform Eindruck: 21 neue Provinzparlamente werden neue Unkosten, neue Steuern nach sich ziehen. Und manche Steuer, die bisher in ganz Frankreich einheitlich war, wird nun für die ärmeren Provinzen höher sein als für die reichen. Ebenfalls mit großer Mehrheit sind die Bürgermeister gegen die Reform. Bei ihnen wirkt das Argument: In 21 Regionen werden 21 Superpräfekten die Vizekönige sein, die um den Pariser Souverän kreisen.

In diesen Kreisen trägt man Pohers Argumente eifrig weiter. Die Landschaften, so sagt er, sollen angeblich mehr Einfluß bekommen, und der Senat soll ihre große Vertretung in Paris sein. Warum wird er dann seiner ohnehin schon eingeschränkten gesetzgeberischen Kompetenzen beraubt? Warum spricht man überhaupt von einer Reform des Senats? In Wirklichkeit baut man doch nur hinter der alten vertrauenerweckenden Fassade des Senats einen neuen Wirtschafts- und Sozialrat auf, den man abzuschaffen vorgibt mit dem richtigen Argument, daß er völlig bedeutungslos war. Was erwartet man eigentlich davon, daß man jetzt 173 aus politischen Wahlen hervorgegangene Senatoren mit 146 Delegierten von Berufsverbänden zu einer Versammlung zusammenfügt, die man als "Teil des Parlaments" erklärt und die in manchen kritischen Augenblicken auch parlamentarische Vollmachten hat? Will man die Gewerkschaften weiter politisieren? Will man dieser Entwicklung einen Senat opfern, der bisher zur Hälfte aus Juristen bestand und der 80 Prozent der Gesetzesartikel, die die Nationalversammlung verabschiedete, so verbesserte, daß Regierung und Abgeordnete sich seiner besseren Einsicht und Erfahrung beugten?

Solche Argumente machen den Durchschnittsfranzosen zumindest unsicher, noch nie war die Zahl derjenigen, die sich bei Meinungsumfragen für die Stimmenthaltung aussprachen, so groß. Vier Wochen vor der Wahl erklärte noch die Mehrheit der Franzosen, sie würde am liebsten nicht zur Urne gehen, die andere Hälfte teilte sich schematisch zu etwa gleichen Teilen in Ja- und Nein-Sager. General de Gaulle versucht nun, den Wahlkampf zu dramatisieren. Doch auch in seiner alten Gefolgschaft wachsen Zweifel am Erfolg dieser Methode. Selbst Georges Pompidou meinte, das allgemeine Unbehagen, das Frankreich schon seit dem Mai vergangenen Jahres befallen hat, ließe sich vielleicht einfach auf die Formel bringen: "Zehn Jahre – das ist genug!"

Zügig rollen die Parteien ihre Senkrechtstarter auf die Abschußrampen. Einer aus dieser Staffel ist Diether Posser, seit einem guten Vierteljahr Heinz Kühns Düsseldorfer "Nahaufklärer" (Fernaufklärer war er im Kriege) in Bonn: als nordrhein-westfälischer Landesminister für Bundesangelegenheiten.

"Du mußt so werden wie Heinemann", hatte Vater Posser in den ersten Jahren des Dritten Reiches Sohn Diether empfohlen. Bei seiner Konfirmation erhielt er den ersten Händedruck von Gustav Heinemann, der Presbyter bei einem regimefeindlichen Pfarrer war. Anderthalb Jahrzehnte später, nach Krieg und Kriegsgefangenschaft und ultrakurzem Intensiv-Studium, fragte der junge Referendar Diether Posser den als Innenminister Konrad Adenauers zurückgetretenen Gustav Heinemann, ob er ihm helfen könne, weil er doch jetzt – ohne den Apparat eines Ministeriums – sicher Hilfe brauche. Die Antwort war, daß Gustav Heinemann in Ferien fuhr und dem jungen Mann die Schlüssel von Haus und Safe hinterließ, mit dem Auftrag, sich nach Gutdünken um alles zu kümmern. Bild darauf gründeten beide in Essen eine Anwaltspraxis – aus der beide inzwischen ausgeschieden sind.

"Wollen Sie nun nicht als Staatssekretär mit Gustav Heinemann ins Bundespräsidialamt übersiedeln?"