Jene politischen Gemeinschaften, welche jeweilig als Träger des Machtprestiges auftreten, pflegt man heute ‚Großmächte‘ zu nennen." (Max Weber)

Asien weist gegenwärtig zwei Großmächte auf: die Volksrepublik China und Japan. Denn primär durch den ideologischen Führungsanspruch des chinesischen Riesenreiches und durch das hohe Niveau der technischen Entwicklung der japanischen Inselnation genießen heute beide Länder in der Weltöffentlichkeit ungewöhnlich große Aufmerksamkeit und ein politisches oder Wirtschaftliches Machtprestige. Mit Recht sollte nach der Meinung des Harvard-Asienexperten Reischauer China und Japan je ein Drittel des amerikanischen Interesses in Asien zukommen und das restliche Drittel Süd- und Südostasien. Unter Nehru könnte auch Indien durch seine Neutralitätspolitik eine Zeitlang einen gewissen Großmachtstatus mit moralischem Führungsanspruch erlangen, aber seit seinem Tode wird dem 500 Millionen Menschen zählenden Entwicklungsland in Südasien die Bezeichnung "größte Demokratie der Welt" nur noch mit gemischten Gefühlen zuerkannt.

Im krassen Gegensatz zu Indien ist das neue (mit Atomwaffen versehene) China wenn nicht gerade beliebt, so doch wenigstens gefürchtet und Japan, allgemein gesprochen, als Inbegriff fernöstlicher Faszination eher beliebt denn als konkurrierende Industriemacht gefürchtet. Die Weltgeltung der beiden Länder ist jedenfalls unbestritten. Als große Rivalen pendeln beide zwischen Konfrontation und Kooperation; ihre guten Beziehungen zueinander betrachtet Professor Reischauer als Schlüssel zum Frieden in Asien und der Welt. Über das neue, mächtige Japan gibt es jetzt endlich ein Buch, in dem es gesehen wird, wie es ist:

Hans Wilhelm Vahlefeld: "100 Millionen Außenseiter – Die neue Weltmacht Japan"; Econ Verlag, Düsseldorf 1969; 335 S., 22,– DM.

Schon im Eingangskapitel findet man glänzend formulierte Beobachtungen des japanischen Alltags, die man jedem Japanreisenden empfehlen möchte, um ihm unliebsame Schockerlebnisse zu ersparen. Treffend auch die politischen Analysen: etwa über die Bedeutung des Jahres 1964, der Olympischen Spiele in Tokio: "Ein unpolitisches Sportfest bewirkte einen politischen Klimawechsel. Damals gelang es den Traditionalisten, durch eine Neubesinnung auf die alten Werte den materiellen Wiederaufstieg ideell zu verankern." Zum Verhältnis Japan-Amerika: "Ein Dialog zwischen Tokio und Washington, aber nicht von Volk zu Volk ... Die Ereignisse des Jahres 1945 haben zwei Länder schicksalhaft miteinander in Kontakt gebracht, die auf Grund ihrer rassischen, kulturellen und psychologischen Andersartigkeit wie auf verschiedenen Planeten zu Hause zu sein scheinen." Denn Japan ist trotz aller Modernisierung nicht verwestlicht. Zum Verhältnis Japan-China: "Japaner können bei Chinesen, besser als Europäer und Amerikaner, zwischen Phrase und Tat, Propaganda und Wirklichkeit unterscheiden." Tokio befindet sich zur Zeit in einer außenpolitisch äußerst günstigen Lage: Amerikaner, Sowjets und Chinesen buhlen um seine Gunst.

Hand in Hand mit den politischen Analysen bietet Vahlefeld genaue und ergötzliche Charakterisierungen des Japaners, dessen Nation wie keine andere von Weltrang geographisch und psychologisch ein Außenseiter in der Geschichte ist. Das japanische Volk "gleicht einer Schnecke, die bei der geringsten Berührung ihre Fühler einzieht und sich in ihr Haus verkriecht. Diese Hemmungen werden oft fälschlicherweise mit Verschlagenheit, Falschheit und Unaufrichtigkeit gleichgesetzt, gerade weil andererseits die japanische Höflichkeit und Gastfreundschaft so überschwenglich sein können. Sie verstärken nur noch das Gefühl, daß es einem als Ausländer nicht gelingen will, zum Kern des Japaners und seines Wesens vorzudringen." Gerade dies ist Vahlefeld, soweit es überhaupt möglich ist, gelungen.

Wer keine Ambition hat, ein China-Experte zu werden, sondern einen allgemeinen und leicht leserlichen Einblick in Geschichte und Charakter des chinesischen Volkes wünscht, dem kann ein neues Buch empfohlen werden: