Hans Werner Henze: "Doppio Concerto per Oboe, Arpa ed Archi / Fantasia für Streicher / Sonata per Archi"; Heinz Holliger (Oboe), Ursula Holliger (Harfe), Collegium Musicum, Zürich, Leitung: Paul Sacher; Deutsche Grammophon Gesellschaft, 139 396, 25,– DM.

Musik des vorrevolutionären Henze; Musik, die gut und gern die Revolutionäre auf das Talent des Genossen scharfmachen konnte; Musik, die sich aber hier noch für sich selber engagiert, die immer andere Antworten auf eine, gleichbleibende Frage sucht: Ist reine Instrumentalmusik, also Musik ohne textliche Bindung, szenische Abläufe oder andere außermusikalische Organisation, heute noch möglich und – die Frage ist gar so simpel nicht – "vom Hörer ohne Mißverständnisse" aufzunehmen? Verhältnismäßig einfach war es in der "Fantasia", der Musik zum "Törless"-Film: Die szenischen Überschriften – "Törless trifft in der Internatsschule ein", "Die Folterung Basinis" und andere – haben die Komposition "gesichert", eine spätere Rückbesinnung, ein Wiedererkennen, eine Identifikation im Sinne eines Programmes geschieht nicht, ist auch nicht notwendig. Die "Sonata" (1958) dagegen behilft sich mit dem Variationsprinzip, und das Doppelkonzert greift auf ein Muster des 18. Jahrhunderts zurück: Zweimal sieht es wie eine Flucht ins Historische aus. Aber Henze überspielt die historische Form mit musikalisch-technischen Künsten, und nur derjenige, der sich die Mühe macht, wird etwas davon entdecken. Ansonsten: ein virtuos gesetztes und phantasievolles Konzert, virtuos auch geblasen, gezupft und gestrichen. Und wer will, der kann – und wird – in der "Sonata" den szenischen Hintergrund, das Projektionsmuster wiederfinden, das durch die 32 Variationen als ursprüngliche Ballettidee hindurchscheint: "Liebende, die auf die Abfahrt nach der glückbringenden Insel warten (auf der es kein Ende der Seligkeit geben soll), verlieren sich über Nacht. Die Liebe hört auf, das Schiff sticht ohne Passagiere in See." Der Komponist hat ja recht mit seiner zwar vorrevolutionären, expressionistischen, meinetwegen sogar romantischen klanglichen Umsetzung: Musik, deren Aggressivität, Kühle und Abstraktion weh tut.

Heinz Josef Herbort