Von Ferdinand Lundberg

Die Marxisten behaupten, die Arbeiter, vor allem in den Fabriken, würden ausgebeutet, um den Profit der Reichen zu sichern. Das mag für gewisse Zeiten und Gegenden richtig sein und früher auch für die Vereinigten Staaten insgesamt gegolten haben. Unter einer marxistischen Regierung aber, wie man sie heute in der Welt kennt, würden die Arbeiter – insbesondere in den gewerkschaftlich voll organisierten Industriezweigen – kaum mehr und wahrscheinlich weniger verdienen als im jetzigen System.

Aber ich will kein falsches Bild der amerikanischen Arbeiterschaft zeichnen. Bei den Unorganisierten und Ungelernten ist die Lage sehr trübe. Sie leben in tiefer Armut. Auch die sogenannten "Weiße-Kragen-Arbeiter" werden sehr schlecht bezahlt. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich bei ihnen – besonders unter den Lehrern – der Brauch eingebürgert, noch eine zweite Beschäftigung auszuüben – eine Praxis, die wir "moonlighting" nennen. Auch Polizisten und Feuerwehrleute sind dabei, ebenso wie Fabrikarbeiter, die einer finanziellen Misere entrinnen wollen.

In einer Zeit, da viele Soziologen leidenschaftlich darüber diskutieren, daß man demnächst die 30-Stunden-Woche haben werde, und von der wachsenden Freizeit als einem Grundproblem des modernen Menschen reden, arbeiten viele "Moonlighter" sechzig und siebzig Stunden in der Woche – kaum ein Fortschritt gegenüber dem 12-Stunden-Tag des vorigen Jahrhunderts. Diese Leute fahren Taxis, arbeiten als Barmixer, für Wach- und Schließgesellschaften oder als – Verkäufer.

Die Kehrseite der großen Vermögenskonzentration sind die Mängel bei den dringend notwendigen Leistungen auf sozialem Gebiet. Auf der Ebene der Großkonzerne zeigen die USA offensichtlich ihre ganze Kraft. In der Erziehung und Gesundheitsfürsorge aber, um nur diese beiden wichtigen Bereiche zu nennen, leben sie sehr kümmerlich von der Hand in den Mund und schlängeln sich mühsam durch.

Diese Diskrepanz ist paradox in einem reichen Land, und man fühlt sich unwillkürlich an Benjamin Disraelis Wort von den zwei Nationen, den Armen und den Reichen, erinnert. Die Verfassung der Vereinigten Staaten erlaubt es nicht, Adelsprädikate zu vergeben. Aber in mancher Hinsicht würde ein solcher Titel Klarheit über Dinge schaffen, die jetzt im dunkeln liegen. Sie würden nicht nur zeigen, wem Ehrerbietung als ein Recht zustünde, sondern sie würden auch öffentlich erkennbar diejenigen, die auf die Dauer ererbte Macht in Händen halten, von denen unterscheiden, die nur zeitweise oder in begrenztem Rahmen bestimmte Positionen innehaben.

Die Chronisten der High Society, also der ganz reichen Kreise, erkennen selbst schon diese Notwendigkeit und bezeichnen den Abstammungsgrad der Männer, wie bei königlichen Dynastien, mit einer Nummer, um den Status eines solchen Erben und seine Position in der Familie zu kennzeichnen. Da gibt es in der englischen Linie der Familie Astor den John Jacob Astor VII. Aber es gibt auch George F. Baker III, August Belmont IV, William Bird III, Joseph H. Choate I, Irénée und Pierre Du Pont III, Marshal Field V, Potter Palmer III, John D. Rockefeller IV, Cornelius Vanderbilt V und so weiter. Es sind Namen, wie diese, die man wahrscheinlich in einem amerikanischen Adelsalmanach vom Typ des deutschen "Gotha" finden würde.