Von Manfred Sack

Berlin

Manchmal war es komisch, wenn man zum Beispiel als Trauzeuge gemietet war, sich die Schwüre wildfremder Leute anhörte, dafür ein relatives Festmahl genoß und an Stelle von zwei fälligen Stundenlöhnen das Fünffache bekam, nämlich zehn Mark.

Manchmal erweiterte es den Horizont, wenn man zum Beispiel einen kranken Lehrling beim Montieren und Reparieren von Zentralheizungen ersetzte und sich dabei nicht nur neue Fertigkeiten erwerben und fachspezifische Vokabeln wie Flansch einprägen konnte, sondern auch – viele zum erstenmal – Berührung mit Arbeitern bekam.

Manchmal war es sichtbar zermürbend, wenn man zum Beispiel mit einem kleinen stud. med. vet. und einem dünnen cand. jur. einen Lastzug zu entladen hatte: Zement in Zentnertüten ist hart wie Beton und wiegt mehr, als man glaubt. Das am Abend leicht blutverschmierte Hemd auf zartem Rücken ließ die Wirtin daran zweifeln, daß die Welt menschlich sei – aber wo sonst hätte man Entladearbeit so intensiv erfahren können? Und es gab immerhin 1949 für dreizehn Stunden dreizehn Mark Lohn – abgerechnet dreizehn Groschen Vermittlungsgebühr, zu zahlen an die Selbsthilfeinstitution mit dem niedlichen Namen "Heinzelmännchen", Telephon 76-1-2-3-4; ich habe die Nummer bis heute nicht vergessen.

Dieser so genannte "Kundendienst" der Freien Universität Berlin hat in diesem Monat Jubiläum: Er vermittelt seit zwanzig Jahren Arbeit an Studenten. Was es mit der Dimension dieses Zeitraumes auf sich hat, machte eine Studentin deutlich, die ich im Vermittlungsbüro um Auskünfte nach dem Gründer bat. "O Gott, das weiß ich nicht", sagte sie und kicherte ein bißchen, "da war ich ja noch ein Baby ..." So lange ist das her.

Als sie noch ein Baby war, war auch die FU noch klein und fein, eine Gründung politisch handelnder Studenten, ein ungeheuer temperamentvolles Institut. Die meisten kamen aus der Zone, weil sie hier die Freiheit fanden, die sie gesucht hatten; viele kamen aus Westdeutschland, weil sie vom Elan fasziniert waren. Bis Mitte der fünfziger Jahre dauerte die wirbelnde Zeit, dann begannen die Spießerjahre dieser Universität, die bald wie alle anderen wurde, eine Bildungsroutineangelegenheit.