Von Hartwig Meyer

Am 15. April hat Harold Wilson noch eine letzte Chance, sich durch die nächsten Wahlen zu retten, die spätestens bis zum März 1971 ausgerufen werden müssen. Das Budget für das Finanzjahr 1969/70, das Schatzkanzler Roy Jenkins an diesem Tage dem Unterhaus vorlegen wird, könnte theoretisch noch zu jenem economic miracle führen, das Wilson so oft beschworen hat. Das Wunder besteht darin, daß Großbritannien Devisen im Werte von fünf Milliarden Mark im Jahr verdient, damit es seine befristeten Schulden von mindestens 20 Milliarden Mark rechtzeitig zurückzahlen kann.

Fünf Milliarden sind gerade ein Prozent des britischen Sozialproduktes; und die Differenz zwischen Fehlbetrag 1968 und Traumüberschuß in der Zahlungsbilanz macht mit knapp zehn Milliarden Mark auch nur etwa zwei Prozent aller Güter und Leistungen aus, die von den Briten in einem Jahr geschaffen werden. Diesen Betrag durch ein bißchen mehr Konsumverzicht aufzubringen, wäre für andere, etwa für die Japaner, kaum ein Problem; für die Briten scheint es fast unlösbar zu sein.

1964 mußten die Konservativen gehen, weil ihr letzter Schatzkanzler Reginald Maudling mit einem kühnen Durchbruch nach vorn in einem Zahlungsbilanzdefizit von über acht Milliarden Mark steckenblieb. Labour machte in seiner fünfjährigen Amtszeit statt der früheren stop-go erzwungenermaßen mehr eine stop-stop Politik. Das Ergebnis: Das Defizit in der Zahlungsbilanz erreichte nicht mehr die Rekordhöhe von 1964; doch dafür stiegen die Schulden gegenüber dem Ausland um das Mehrfache; und das abgewertete Pfund blieb als Leitwährung auf der Strecke.

Dabei haben sich die Labour-Leute mit der Vermehrung der wirtschaftspolitischen Instrumente weit mehr Mühe gegeben als die Konservativen. Vor ihrer Amtszeit galt es als ausgemacht, daß man nur die monetäre Nachfrage, die private Kaufkraft, abzuschöpfen brauchte, daß man nur den Vollbeschäftigungstheoretiker Lord Keynes strikt interpretieren mußte, um die Wirtschaft vom Pfade der Inflation ablenken zu können.

Heute ist Keynes immer noch das große Vorbild; und das im Normalfall einmal im Jahr vorzulegende Budget mit seinen Steuerauf- und -abschlägen spielt nach wie vor die zentrale Rolle in der britischen Wirtschaftspolitik. Unter Labour entwickelte sich aber zum erstenmal die Vorstellung, daß man nicht nur die monetäre Nachfrage sondern auch das güterwirtschaftliche Angebot beeinflussen müsse. Das geschah mit struktur- und regionalpolitischen Finanzprogrammen und mit gezielter Konzentrationshilfe in der Industrie, etwa beim Zusammenschluß der Autokonzerne BMC und Leyland, bei der Fusion von Werften in Schottland oder beim Aufbau eines nationalen Komputerkonzerns.

Labour, oder besser George Brown, hat auch ernsthaft das Experiment einer Einkommenspolitik versucht, die Karl Schiller unter der Bezeichnung Konzertierte Aktion mit lockerer Hand in der Bundesrepublik zu etablieren verstand.