Immer mehr verdichtete sich vorige Woche der Eindruck, daß Präsident Nixon insgeheim eine politische und militärische Doppelinitiatve zur Lösung des Vietnam-Konflikts vorbereitet – und daß sich die Verbündeten in Saigon diesmal weniger halsstarrig geben als zuvor etwa bei der Vorbereitung der Pariser Friedensgespräche

Auf der ersten Pressekonferenz seiner Amtszeit äußerte US-Außenminister Rogers am Wochenende in Washington die Hoffnung, daß Amerikaner und Nordvietnamesen ihre Truppen noch in diesem Jahr wechselseitig zurückziehen könnten. Verteidigungsminister Laird hatte vorher angekündigt, daß die Angriffe der achtstrahligen B-52-Bomber in Südvietnam um zehn Prozent eingeschränkt würden – diese Maßnahme aber allein mit finanzpolitischen Argumenten begründet.

Zum zweitenmal innerhalb von vierzehn Tagen erneuerte der südvietnamesische Staatspräsident Thieu am Montag sein Angebot, mit der Nationalen Befreiungsfront (NLF) zu verhandeln. Er legte der Nationalversammlung in Saigon einen Sechs-Punkte-Plan vor, den ausführlichsten Friedensvorschlag seiner achtzehnmonatigen Amtszeit.

Außenminister Rogers enttäuschte zwar alle diejenigen, die einen sofortigen, zur Not auch einseitigen Rückzug amerikanischer Verbände erhofft hatten. Immerhin aber unterscheidet sich seine Formel vom "wechselseitigen Abzug" deutlich von dem Prinzip, das auf der Vietnam-Konferenz in Manila 1966 noch unter Johnson aufgestellt worden war: daß die Amerikaner erst gehen könnten, wenn vorher die Kommunisten gegangen seien.

Auch die VorschlägeThieus enthalten einige neue Nuancen. So soll der Vietcong, wenn er erst aller Gewalt abschwört, den vollen Schutz der Verfassung genießen. Zwar wird von der NLF verlangt, sie müsse dem Kommunismus entsagen, wenn sie an Wahlen in Südvietnam teilnehmen wolle. Da sich die Befreiungsfront aber offiziell nie mit kommunistischen Dogmen identifiziert hat, rückt ihre Teilnahme am Verfassungsleben Südvietnams in den Bereich des immerhin Möglichen,

Bei Wochenbeginn war noch keineswegs klar, ob und wo die Amerikaner mit Nordvietnam, die Südvietnamesen mit der NLF über ihre Vorschläge verhandelten. Nur soviel stand fest: Eben war der 33 630. GI gefallen, die amerikanischen Verluste in Vietnam hatten die von Korea überschritten, – nur noch übertroffen von denen der beiden Weltkriege.