Von Ruprecht Eser

Nach dem Willen der SED sind sie die "Hausherren von morgen". Über zwei Millionen Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren gibt es heute in der DDR. Wie steht diese Jugend zur Staatsmacht, wie gestaltet sie ihre Freizeit, was steht im Vordergrund der Wünsche und Erwartungen? Und schließlich: Was wissen wir im Westen heute über unsere Verhandlungspartner von morgen?

Manches Klischee ist im Umlauf. Die Zahlen sprechen eine klarere Sprache: Nur 4,5 Prozent der Jungen und 2,5 Prozent der Mädchen sehen die Einheit Deutschlands als wichtig an. Und die Entwicklung der DDR selbst steht bei lediglich 4 Prozent der Jungen und 3 Prozent der Mädchen im Vordergrund ihrer Erwartungen. Wichtiger für die Zukunft sind ihnen andere Aspekte ihres Lebens.

Für 21 Prozent der Jungen und 13 Prozent der Mädchen ist das berufliche Fortkommen entscheidend. In langsam kleiner werdenden Gruppen folgen: Liebe, Familie, Anschaffungen, Reisen und schönes Wohnen. Erst weit nach diesen Hauptinteressen folgen politische Vorstellungen wie die Entwicklung der DDR und die Einheit Deutschlands.

Diese Ergebnisse haben die Jugendforscher in der DDR ermittelt. Das für die meisten Umfragen verantwortliche Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung wurde 1966 gegründet. Es untersteht dem Amt für Jugendfragen beim Ministerrat der DDR. Die Hauptaufgabe der Jugendforscher besteht darin, hocheffektive Methoden der erzieherischen Beeinflussung auszuarbeiten. Die Jugendforscher haben sich in ihren Untersuchungen auf die Altersgruppen zwischen 10 und 20 Jahren konzentriert.

Bei den bisherigen Untersuchungen wurde auch gefragt, welche persönlichen Vorbilder die Jugendlichen in der DDR haben. Nur eine kleine Gruppe nannte dabei Politiker als ihre Vorbilder. Der weitaus größte Teil der Befragten entschied sich für bekannte Sportler, Wissenschaftler, Kosmonauten, Künstler oder sogar Verwandte. Die mit Abstand höchste Popularitätsquote erreichten der längst in den Ruhestand getretene Radfahrer Täve Schur und der tödlich verunglückte erste Kosmonaut der Welt, Juri Gagarin. Nur zwei lebende Politiker erhielten so viele Stimmen, daß sie gerade noch Erwähnung verdienen: Fidel Castro und Walter Ulbricht. Interessanter scheint aber, daß 16 Prozent der Jugendlichen jegliche Vorbilder ablehnten. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Welt, die nichts mit der bestehenden gemeinsam hat.

Eine wichtige Rolle spielt in der DDR die Berufslenkung. Deshalb ist die Frage nach den Berufswünschen von großer Bedeutung. Und hier wurde ein erheblicher Unterschied zwischen den Wünschen der Jugendlichen und den Volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten sichtbar: Bei einer Befragung erklärten 27 Prozent der Jugendlichen, daß sie in einen Beruf gezwungen worden seien, der ihnen nicht passe. Weitere 18 Prozent sagten, sie seien davon "überzeugt" worden, daß ihr ursprünglicher Berufswunsch falsch sei. Über die Hälfte konnte den Beruf ergreifen, den sie sich wünschte.