Von Irene Zander

Der Hotelkassierer hat die Rechnung gestempelt, das Taxi zum Flughafen von Beirut bestellt. Es ist noch Zeit für einen letzten türkischen Mokka in der Swimming-pool-Bar. Durch die Halle gehen gerade wieder diese jungen Deutschen – etwa ein halbes Dutzend, Männer und Mädchen, lauter nette Leute: intelligent, sportlich, chic, aber weder versnobt noch laut. Es gab viele dieser kleinen Gruppen in den letzten Wochen, und man traf sie überall: an der Riviera-Beach, im Museum, in Baalbek, in Gunther Sachs’ neueröffneter Micmac-Boutique und beim Whisky im eleganten St. Georges Hotel. Offenbar wird es gerade Mode, daß sich private kleine Gruppen bilden und sich nach eigenem Geschmack ihre Reise organisieren. Sie nutzen als Einzelreisende die erheblichen Vorteile der IT-Reisen (Inclusive Tours), individuelle Ferienreisen mit Linienflugzeugen. Für 1398 Mark, das ist weniger als der Flugpreis München–Beirut, bekommen sie das Ticket und dazu 15 Tage Aufenthalt (Übernachtung und Frühstück) in diesem Hotel der ersten Klasse. (Für 1228 Mark in einem benachbarten Hotel der guten Mittelklasse.)

An der Swimming-pool-Bar steht schon der Mokka, serviert mit dem Abschiedslächeln des Boys. Nach fünf Wochen gehört man schon fast dazu. Auf den Liegebetten am Pool haben sich den Winter über viele blasse Damen aus dem Norden gesonnt. Auch sie repräsentieren einen neuen Trend im Tourismus: Spät im Herbst flüchten aus den Reichen der Mitternachtssonne Scharen von Touristen in die Novembersonne Beiruts. Zwar frösteln dann die Libanesen schon, wie alle Südländer, und gehen nicht mehr ins Wasser. Aber das Meer hat noch 22 Grad.

Im Jahre 1968, im kritischen Jahr nach dem Sieben-Tage-Krieg, stieg im Libanon die Zahl der Touristen aus Norwegen, Schweden, Finnland bis zu 30 Prozent. Genau das braucht das Land. Die allgemeine Tendenz ist aber eher rückläufig: aus dem westlichen Europa und Amerika kamen bis zu 50 Prozent weniger Reisende, dagegen aus Rußland und den osteuropäischen Ländern über 100 Prozent mehr. Aber das sind noch immer nicht viel. Der Rückgang des Tourismus wiegt schwer in einem Land, dessen Wirtschaft auf Ausweitung des Tourismus gerichtet ist. Überall sieht man die Spuren der Regression, am deutlichsten im Bauen. In ganz Beirut sind Hochhäuser emporgeschossen, aber viele sind halb fertig. Nach dem Krieg stockte die Bautätigkeit. Im Süden von Beirut, dort wo der Strand am schönsten ist, entstand ein Geisterviertel von Rohbauten: Khaldé. Die wenigen fertigen Hotels stehen verloren zwischen Betonklötzen mit leeren Fensterhöhlen. Kein gemütlicher Platz.

Was erwartet der Tourist vom Libanon? Doch wohl meist eine Kombination von Erholung und Bildung, dazu die Anregung eines fremden Milieus. Schließlich die Einkaufsmöglichkeiten. Die Hauptfrage für den Reisenden ist: Wo soll man wohnen? Es gibt drei Möglichkeiten, die auch deutsche Reisebüros anbieten: das Ferienzentrum Tabarja Beach, zwanzig Kilometer außerhalb der Stadt, die Hotels in Beirut oder an der ebenfalls außerhalb der Stadt gelegenen Corniche. Wer viel sehen will, sollte in Beirut selbst wohnen. Aber die Nebenkosten sollten nicht zu gering angesetzt werden. Der Libanon ist kein billiges Land: der türkische Mokka kostete in meinem Hotel zwei Mark. Und mit Trinkgeldern wird gerechnet.

Von Beirut aus kann man das Land am besten bereisen (im Taxi). Die Entfernungen sind nicht groß (Byblos 30 Kilometer, Saida 40 Kilometer, Tyros 90 Kilometer, Baalbek etwa 80 Kilometer). Nach Baalbek werden auch Autobusausflüge veranstaltet und neuerdings wieder weiter nach Damaskus (Visum wird an der Grenze erteilt). An allen Touristenplätzen gibt es gute Restaurants.

Zwar ist Beirut supermodern und laut, aber die Lage auf einer Halbinsel, vom Meer umspült, vom Gebirge umfaßt, ist immer noch schön. Jeder Reiseführer zählt die bekannten Sehenswürdigkeiten auf. Das Nationalmuseum in Beirut gibt von den Anfängen der phönikischen Kultur, um 4000 v. Chr., bis zur Zeit der Kreuzritter, einen Querschnitt. Vor der Besichtigung des Landes sollte man die Funde im Museum ansehen – leider sind noch nicht alle Abteilungen geöffnet. Unvergleichlich schön ist der Schatz von Byblos: Schmuckstücke, Bronzen, Waffen, Kleinplastik. Beziehungen zu Mesopotamien, Ägypten, Mykene, Griechenland, Rom werden hier sichtbar. Sie weisen auf eine Eigenheit des Landes, die von den Phönikern bis heute gilt – die Verbundenheit mit der Welt. Beirut war immer eine Metropole, deren Bewohner ihre Hoffnung übers Meer warfen. Einst zogen sie aus, um ferne Länder zu erobern – heute erwarten sie das Heil in umgekehrter Richtung: Touristen aus aller Welt sollen einströmen.