Just zum 20. Geburtstag haben die Kanadier der Nordatlantischen Verteidigungsorganisation (NATO) ein mißliches Geschenk gemacht: Premierminister Trudeau kündigte am Donnerstag voriger Woche an, sein Land wolle zwar Mitglied der NATO bleiben, seine in Europa stationierten Truppen aber reduzieren.

In Bonn wurde mit Besorgnis auf diese Entscheidung reagiert; Kanada hat in der Bundesrepublik gegenwärtig sechs Staffeln "Starfighter" und eine motorisierte Brigade-Gruppe von 6000 Mann stationiert. Ihrem Abzug wird weniger militärisches als psychologisches Gewicht beigemessen.

Bundesaußenminister Brandt, der auf dem Wege zur Jubiläumstagung des Atlantikrats in Washington am Montag für zwei Tage in Ottawa Station machte, sprach mit Außenminister Sharp und Verteidigungsminister Cadieux über die Rolle, die Kanada künftig im Bündnis einnehmen will, und trug die deutschen Besorgnisse vor. Brandt: "Wir alle braudien Kanada."

Bundeskanzler Kiesinger hatte am Ostersonnabend, unmittelbar nach der Rückkehr aus den USA, seinen Außenminister zu einem vierzigminütigen Gespräch über aktuelle Fragen empfangen. Der Kanzler hinterher: "Zwar sind die kanadischen Truppen in Europa nicht zahlreich, aber eine beträchtliche Verringerung oder gar eine Zurückziehung dieser Truppen könnte das Bündnis ohne Zweifel psychologisch schwächen."

Kiesinger weiter: "Außerdem wäre eine solche Entscheidung gerade vor dem Beginn möglicher neuer Verhandlungen mit der Sowjetunion politisch nicht günstig. Ich bleibe bei der Auffassung, daß eine Verringerung der Stärke der NATO begleitet sein sollte von einer gleichwertigen Verringerung auf der östlichen Seite."

Der NATO-Rat hatte auf seiner Frühjahrstagung in Reykjavik 1968 seine Bereitschaft bekundet, einer gleichzeitigen, gleichmäßigen und gleichwertigen Truppenverminderung diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs zuzustimmen. Nach der Besetzung der ČSSR im August wurden diese Pläne auf Eis gelegt, die Allianz rückte auf ihrer Brüsseler Tagung im November enger zusammen. Die kanadische Entscheidung könnte den Zusammenhalt der NATO schwächen und die Pläne für eine ausgewogene Truppenverminderung verwirren.

Zur Begründung für die Umorientierung der kanadischen NATO-Politik sagte Trudeau, Europa könne sich jetzt selbst verteidigen und gleichzeitig eine gewisse Deeskalation anstreben. Unter dem Stichwort "Canada first" präsentierte der Premier seinen Streitkräften neue Prioritäten: 1. Schutz des eigenen Territoriums, 2. Verteidigung Nordamerikas zusammen mit den USA, 3. Erfüllung der NATO-Verpflichtungen, 4. Internationale Friedenssicherung.

Noch aber sind Ausmaß und Tempo des kanadischen Rückzugs keineswegs beschlossene Sache. Trudeau wies darauf hin, daß die Truppen noch bis Ende des Jahres in Europa bleiben würden. – Wieweit kanadische Einheiten über diesen Stichtag hinaus der NATO unterstellt bleiben, soll mit den Verbündeten im Mai beraten werden. Auf jeden Fall will Kanada politisch Mitglied der NATO bleiben.