Eine liebliche Landschaft ist das Elsaß: Blaue Berge, Weingärten, Wälder, Hopfenfelder und das Ried, die Rheinebene mit lichtem Baumbestand. Wiesen, Gräben, eine friedliche Landschaft mit Fachwerkhäusern in Dörfern, Städtchen und Städten – aber fast jeder Ortsname ist auch der einer Schlacht: Woerth, Fröschweiler, Elsaßhausen, Hagenau, Belfort, Münster, Colmar und so weiter. Krieg war im Elsaß 1870–71, 1914–18 und 1939–45.

Eine besonders geeignete Landschaft also für eine Informationstagung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Sein Präsident, der Dekan a., D. Walter Trepte, nennt den Volksbund ein Kind der beiden Weltkriege. Dieses Kind wurde jetzt fünfzig Jahre alt. Was der Bund, der sich um die Toten der Kriege kümmert, an Arbeit geleistet hat und so lange nach dem letzten Kriege noch leistet, wollten seine Mitarbeiter nun im Elsaß zeigen.

Einquartiert wurden die Gäste in der Evangelischen Akademie des Elsaß, einem schloßähnlichen Gebäude auf dem Liebfrauenberg bei Goersdorf. Blick aus den Fenstern auf das Schlachtfeld von Woerth, wo in der Nacht vom 6. zum 7. August 1870 rund zehntausend Soldaten fielen. Der Pfarrer Klein, damals in Froschweiler bei Woerth, hat in seiner "Fröschweiler Chronik" geschildert, wie er, seine Dorfbewohner und Leute aus der Umgebung an einem heißen Sommertag 9600 Gefallene begruben. 40 000 Deutsche und 130 000 Franzosen starben in einem Krieg, den uns unsere Lehrer als kühnen Siegesritt mit flatternden Fahnen und blitzenden Schwertern schilderten, mehr Heldentat als Tod.

Wir werden im Autobus über das Schlachtfeld gefahren. Am Mikrophon Herr v. Neumann, einer der Veteranen des Volksbundes: "Da über den Massengräbern hier ein Denkmal dem anderen folgt, halten wir nicht jedesmal an. Sie können es so sehen. Links die MacMahon-Säule zum Gedenken an den französischen Befehlshaber. Sie steht, wo unter einem Nußbaum sein Befehlsstand gewesen ist. Dort, wo die Elsaßtannen stehen, das Denkmal des 11. Hessischen Artillerieregiments mit stilisierten Kanonenrohren als Säulen. Es folgt das Denkmal des 82. Kurhessischen Infanterieregiments."

Rechts Denkmäler, links Denkmäler. Das neunzehnte Jahrhundert verstand sich auf das Heroische und die Heldenverehrung. Jedes Kriegerdenkmal ein kleiner Kyffhäuserbau. Franzosen und Deutsche stehen darin einander nicht nach. Ruhm und gloire waren noch dasselbe, Vaterland und patrie.

In Woerth gibt es das Restaurant au Musée de 1870, eine Gastwirtschaft, in deren quadratischer Wirtsstube lebensgroße Figuren in historischen Uniformen stehen, ein Fries markiger Gestalten auf einem Sims vor der oberen Wandhälfte. Der Großvater des Wirts hat die Uniformen gesammelt, französische mit den roten Hosen und blaue deutsche. Es muß genug davon gegeben haben. In einer Vitrine bilden Schwerter einen Strahlenkranz; Orden, Mützen und zwei Pickelhauben sind darüber und darunter angeordnet. Hier im gemütlichen Wirtshaus kömmt das Bild vom alten Krieg dem Bild, das die Lehrer unserer Eltern malten, recht nahe.

Zwei Einheimische, Baskenmützen auf dem Kopf, trinken ihren Aperitif. Von der Gruppe, die unserem Omnibus entstiegen war, nehmen sie wenig Notiz. Busse mit Touristen kommen die Menge, wenn auch nicht in der kalten Jahreszeit. Die Wirtin freut sich, daß der Winterschlaf unterbrochen wird, und schenkt vor Begeisterung den Ricard doppelt so hoch ein wie üblich.