"Tauben im Gras" / "Das Treibhaus" / "Der Tod in Rom", Romane von Wolf gang Koeppen. Als diese drei Romane 1951, 1953 und 1954 erschienen, blieb ihnen zunächst die große Wirkung versagt. Das Urteil der Kritik war zwiespältig. Heute stellen sie einen unbestrittenen, fast etwas legendären Gipfel der deutschen Nachkriegsprosa dar. Dreimal hatte sich Koeppen leidenschaftlich mit Deutschland auseinandergesetzt. Es waren die entscheidenden Jahre der beginnenden Restauration, in denen die Weichen gestellt wurden. Inmitten der Stilunsicherheit, die damals unsere Literatur noch kennzeichnete, trat hier ein souveräner Erzähler auf, der eine Prosa schrieb, wie man sie hierzulande bisher nicht kannte: modern und doch suggestiv, passioniert und doch kühl. Ihre poetische Kraft der Verzauberung und ihre moralische Schärfe trifft auch heute noch. Ihre Diagnosen wurden vielfältig bestätigt – leider. Die Bücher waren in ihren Originalausgaben teilweise vergriffen. Die Generation der Zwanzig- und Dreißigjährigen kennt sie höchstens noch als Gerücht. So war dieser Koeppen-Reader, der die drei klassischen Titel der fünfziger Jahre zu einer Trilogie zusammenfaßt, eine Notwendigkeit. Viel Literatur, viel Sorge um Deutschland – für wenig Geld. (Goverts Verlag, Stuttgart; 618 S., 15,– DM)

Horst Krüger

"Oh, Muvie", Photoroman. Ein Photoroman ist ein Roman, in dem eine Geschichte nicht mit Wörtern, sondern mit Photos erzählt wird. Der vorliegende orientiert sich zudem noch am Film. "Oh, Muvie" ist ein ziemlich läppischer Versuch, die verschiedenen Medien zu verschmelzen und die nun auch schon nicht mehr ganz neue Botschaft von der Gegenwelt unter die Leute zu bringen. Angeblich ist "Oh Muvies Gegenwelt... die neue Gesellschaft, die soziale und klassenlose Gesellschaft Was in diesem Büchlein von ihr sichtbar wird, erinnert jedoch mehr an Sektenwesen und abgestandene Kommunardenorgiastik. Den Hauptteil der Geschichte beansprucht ein "psychedelischer Traum", in welchem Vergewaltigung, Mord und sonstige Gewalttätigkeiten vorkommen, wohinter, man wird das beinahe schon vermuten, sich das Bild der gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustände verbirgt. Ein revolutionärer Gemeinplatz, dilettantisch vorgebracht. (Heinrich Heine Verlag, Frankfurt; 10,– DM)

Helmut Salzinger

"Biographien der Wahnsinnigen", von Christian Heinrich Spieß. Dieses 1795/96 erstmals veröffentlichte Buch hatte Wolf gang Promies 1966 in Auswahl herausgegeben. Nun sind die acht "Biographien" mit zeitgenössischen Illustrationen in einer "wohlfeilen Sonderausgabe" zu haben. Es sind exemplarische Lebensläufe, die der sonst nur als Autor von Schauerromanen bekannte Spieß zur Warnung "des leichtgläubigen Mädchens, des unvorsichtigen Jünglings" aufzeichnete oder erdachte: Unvernünftige, unmäßige Liebe konnte einem nach Meinung der Aufklärer das Gehirn zerrütten – also war der Wahnsinn zu vermeiden, wenn man der so ärgerlich irrationalen Liebesleidenschaft und anderen Affekten nicht nachgab. Die "Biographien" sind Zeugnisse der Faszination der Rationalisten durch das Irrationale, dem übrigens ironischerweise der Autor selber am Ende erlag: Er wurde wahnsinnig. Seine Kur nützt also nichts, sein Buch aber ist amüsant, streckenweise hinreißend zu lesen. (Luchterhand-Verlag, Berlin; 343 S., 12,– DM)

Jörg Drews

"Ikonographie der christlichen Kunst" (Band 2: "Die Passion Jesu Christi"), von Gertrud Schiller. Zuerst wundert man sich nur, daß es noch Verleger gibt, die ein nur für Kenner bestimmtes Werk mit geradezu fürstlicher Großzügigkeit ausstatten: 816 Abbildungen zählt der Band, der auf zweieinhalbhundert Textseiten (den kritischen Apparat nicht gerechnet) einen engbegrenzten Ausschnitt aus der christlichen Ikonographie behandelt, die Passion Jesu Christi von der Salbung in Bethanien bis zur Grablegung und der Darstellung der Pietà und des Schmerzensmannes. Die Wandlungen, welche die Darstellung dieses Leidensweges im Lauf der Jahrhunderte durchgemacht hat, werden mit Fleiß und Finderglück aufgespürt, beschrieben, erläutert, gedeutet und im Bilde augenfällig gemacht. Befaßt man sich im einzelnen mit der Untersuchung Gertrud Schillers, so gewinnt man Einsichten, die für das Verständnis besonders der mittelalterlichen Kunst schlechthin unentbehrlich sind; umgekehrt spiegeln sich in Themenwahl und -behandlung der Gottes- und Heilsbegriff ganzer Epochen. (Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn; 296 S., 155,– DM)

Manuel Gasser