Professor Nicholas Mansergh, der den Lehrstuhl für die Geschichte des Commonwealth in Cambridge innehat, hat die fast hundertfünfzigjährige Geschichte von der Praxis und der Empirie eines weltgeschichtlichen Experiments vorgelegt, das als politischesKonzept beendet ist, jedoch in anderer, proteischer Form weiterbestehen wird:

Nicholas Mansergh: "The Commonwealth Experiment"; Verlag Weidenfeld & Nicolson, London 1969; 471 S., 70 sh.

Dieser kritische Bericht ist schon deswegen wichtig, weil er richtigerweise mit dem Durham-Report von 1839 einsetzt, der in der britischen Verfassungsgeschichte als eines der wichtigsten Dokumente von klassischen Folgen gilt, den aber im Lande niemand liest und der im Ausland weitgehend unbekannt geblieben ist. In diesem Bericht lag jene Erkenntnis eingebettet, daß es nicht Aufgabe einer britischen Regierung sein dürfe, eroberte Länder und rückständige Nationen auszubeuten, sondern eine Pax Britannica zu etablieren, die auf dem Fundament von Recht und Ordnung ruhen müsse. Erst dann könne man zu den eigentlichen Aufgaben schreiten, die überseeischen Nationen, die zum Britischen Empire gehörten, zur Selbstverwaltung und schließlich zur Unabhängigkeit zu erziehen. Lord Durhams Empfehlungen wurden zu Richtlinien britischer Kolonialpolitik, die durch den Akt von Westminster 1931 gekrönt wurden.

Vor dreißig Jahren noch dominierte Großbritannien im Commonwealth; heute ist es nur ein Mitgliedsstaat unter vielen, wenn auch ein einflußreicher. Vor dreißig Jahren besaß das älteste Dominion, Kanada, drei diplomatische Vertretungen, heute dagegen fündundfünfzig. Das sentimentale Band der Monarchie genügt nicht mehr, dieses in rationalen Begriffen undefinierbare Ganze zusammenzuhalten, selbst wenn sich eine Königin als Oberhaupt auf die Loyalität dieses Commonwealth stützen darf. Aber es blieb "ein Objekt des Stolzes im Urteil der Geschichte": Stolz auf eine politische Vorlage, die die Bezirke der nationalen, wenn auch noch nicht überall der persönlichen Freiheit wesentlich erweitert hat. Genau dies ist es, was so viele Commonwealth-Führer innerhalb und außerhalb der Gefängnisse zu unseren Lebzeiten erfahren haben, ein Erlebnis, das ihnen das Recht zu Emotionen eingeräumt hat, wie dies besonders in Afrika der Fall ist.

Professor Mansergh berichtet kühl und distanziert ohne zu verhüllen, wie rücksichtslos und brutal England vorgehen mußte, um auf dem Wege zu Selbstverwaltung und Unabhängigkeit vorzustoßen. Nur zu oft war es ein heroisches Abenteuer selbstloser Hingabe. Gewiß gibt es sehr viele Menschen, vor allen Dingen in England, die der Vergangenheit nachhängen und dabei geistesabwesend den Union Jack schwenken. Es gibt aber auch einen konservativen Kritiker, der das heutige Commonwealth "eine gigantische Farce" genannt hat. Mit Recht schließt der Autor seine brillante Darstellung mit der Feststellung, daß das Commonwealth seine raison d’être eingebüßt hat, als es seine supra-nationalen Ziele erreichte. Die Interpretation der Vergangenheit sollte indessen weder "der Tyrannei der Gegenwart unterworfen noch von der ungewissen Spekulation der Zukunft beeinflußt werden. Es ist eben ein Ende, das in sich selbst genügsam ist."