Er ist Direktor der Shell in Irland. Unter anderem. Außerdem Autor und Filmproduzent. Die Publikationen reichen vom irischen Shellführer bis zum Film "The Playboy of the Western World". Auf seine journalistische Karriere ist er ein bißchen stolz: Er arbeitete für den "Daily Express", für die "Daily Mail" und für den "Sunday Dispatch". Auch als Korrespondent des Chinakrieges Ende der dreißiger Jahre. Lord Killanin ist 54 Jahre alt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wählte ihn 1952 zum Mitglied und machte ihn 1966 zum Leiter einer Presse-und-Public-Relations-Kommission. In Mexiko wurde er Vizepräsident des IOC.

Diese Wahl wurde acht Monate später Anlaß, daß ich ihn traf. "Come on", sagte er, die Pfeife in der Smokingtasche verschwinden lassend, "gehen wir hinauf. Wir bekommen dort etwas zu trinken." In die gleiche Richtung bewegte sich der Strom jener Leute, die sich in der Öffentlichkeit als gestrige Greise und hoffnungslose Idealisten dargestellt sehen – ein Regiment gegen Windmühlenflügel anreitender Don Quichottes. Welcher Art die Drinks wohl sein würden? "Im Zweifelsfalle gibt es Black and White!" meinte Lord Killanin und lachte über seinen eigenen Witz. Im Obergeschoß des feudalen Hotels "Camino Real" in Mexico City hatten die afrikanischen Länder zu einem Empfang gebeten. In der Tür machte Jean Claude N’Ganga aus dem Kongo die Honneurs, ein in Frankreich erzogener, fanatischer Streiter für die Bestrafung südafrikanischer Rassenpolitik. In geschliffenem Diplomatisch begrüßte er den Gast, als ob das Fest eigens für ihn aufgezogen sei. Dann stand der gebeugte Marquess of Exeter da, auf seine beiden Stöcke gestützt, ein ebenso entschlossener Kämpfer für die Sache Südafrikas. Lord Killanin hatte für beide ein paar Worte, eine Floskel vielleicht nur. Einen Augenblick lang sah er ein bißchen so aus wie der jüngere Winston Churchill. "Der deutsche Prinz von Hannover, der hat einen guten Vorschlag gemacht. Keine Flaggen und keine Hymnen mehr. Aber es gibt natürlich auch Leute, denen diese Symbole viel mehr bedeuten." Der Blick streifte die Umstehenden.

Er war Boxer

In einer Ecke zog er doch wieder die Pfeife hervor. Mit seinen langen grauen Koteletten sieht er jünger aus als die anderen. Er ist nur mittelgroß, wahrscheinlich muß er auf seine Figur achtgeben. Früher hat er gerudert, geritten und ein bißchen geboxt. Das war zu der Zeit, als er studierte. In Eton, in Cambridge, an der Sorbonne. Er ist ein junger Kopf im alten IOC, "Mit der Tradition soll man nicht furchtbar hart ins Gericht gehen. Sie ist oft nur Ballast, ein, bedrückendes Anhängsel. Man sagt, die Olympischen Spiele leiden darunter. Das ist Nonsense. Wer hier anfängt zu ändern, beginnt mit der Vernichtung. Es sind zwar alte Prinzipien, aber junge Leute, die sie durchführen. Sie denken und handeln modern. Deshalb sind auch die Spiele jung. Vom IOC redet man nur vor oder nach den Spielen!" Mit einem Male stand er in einer Gruppe von vier oder fünf Leuten, ein Franzose, ein Schwede, ein Australier. Sie erzählten von der Arbeit in ihren Kommissionen, welche Beschlüsse zu fassen seien und vom allumfassenden Wesen der Olympischen Spiele. Man produzierte sich vor dem neuen Vizepräsidenten und langweilte sich, ohne gelangweilt auszusehen. "Morgen abend werde ich zum Boxen gehen", meinte er. Die Herren hatten sich plötzlich so in ihr Gespräch vertieft, daß sie gar nicht bemerkten, daß er davonging.

"Die Spiele sind die größte Werbung, die ein Land für sich haben kann. Die Frage ist, ob es alle erkennen und auch nutzen. Eine riesige Chance!" Pedro Ramirez Vazquez, der Präsident des Organisationskomitees, ging vorüber, grüßte mit einem Augenzwinkern hinter den dicken Brillengläsern. Seine jungen Landsleute hatten auf den Straßen Mexikos die Spiele auch für eine Art Werbung benutzt. Wer hätte sich sonst um die Studentenunruhen geschert? "Sie werden es in München nicht leicht haben", sinnt Killanin, "es gibt Leute, die sich viel Gedanken darüber machen. Ich übrigens auch!" Dieses Mal lachte er nur ein wenig. Aber seine Gedanken sind woanders: "Es wäre nicht schlecht, wenn das IOC eine eigene Mannschaft hätte, die die Spiele organisiert. Erfahrene Leute. Man würde viel Geld sparen." Dann verjagt er die Idee mit einer Handbewegung: "Aber wer hätte das schon gern. Das hängt wohl mit dem Nationalismus zusammen. Oder glauben Sie, Ihre Landsleute in München würden sich gern von einem Ausländer die Spiele organisieren lassen?" Und dann, entschuldigend fast für die sich anbietende Ironie: "Aber man versteht bei Ihnen ja etwas von der Organisation großer Feste."

Malteser-Ritter

Lord Killanin ist Mitglied des Boxclubs der Universität von Cambridge und Präsident des irischen Olympiarats, Mitglied des internationalen Verbandes der Kunstkritiker und Ritter des Malteser-Ordens. Als man in Mexico City um die Kandidaten rätselte, die die Nachfolge des 81jährigen Avery Brundage antreten könnten, fiel sein Name. Aber der Ire beließ es bei der Bewerbung um den Posten des zweiten Mannes, Brundage wurde dann wiedergewählt. "Ich kann es mir finanziell nicht leisten, Präsident des IOC zu werden." Er sagte es sogar ernsthaft. Spann ein problematisches Thema daraus: "Das ist schlecht im IOC. Jeder sollte Präsident werden können, nicht nur die Reichen. Vielleicht werden wir eines Tages einen Fonds einsetzen für diesen Zweck, um einen guten Mann nicht zu verlieren!" Jetzt bat sein Lächeln um Verständnis: "Ich bin Demokrat, wissen Sie?" Es wurde zum Lachen nach der Frage, ob er glaube, daß sich sein finanzieller Status bis zur nächsten Abstimmung, 1972 in München, soweit verändert haben könnte, daß er den IOC-Thron erlaubt. "Well – Kardinal Montini hat auch lange Zeit gewartet, bevor er Papst Paul wurde. Ich bin ein guter irischer Katholik, müssen Sie wissen!" Er zog an seiner wieder einmal ausgegangenen Pfeife. Ulrich Kaiser