Das ist ein Dreieck; und das ein Ball oder ein Kreis; das da ist – Moment mal – ich glaube, es ist eine Tasse. Ein Telephon, ein – nein, das kann ich nicht erkennen, vielleicht eine Flasche?"

Seit er sechs Jahre alt war, hat Fred P., heute Student, diese Gegenstände, die er mit einer Fernsehkamera abtastet, nicht mehr gesehen. Jetzt fühlt er sie auf seinem Rücken, getrommelt von vibrierenden Stiften, die aus der Rückenlehne eines ausgedienten Zahnarztstuhls herausragen.

Vision Substitution System, abgekürzt VSS, wird das Gerät genannt, das hier am Smith Kettlewell Institute des Pacific Medical Centers in San Franzisko von blinden Versuchspersonen ausprobiert wird. Entwickelt haben dieses System, das, wie sein Name sagt, einen Ersatz für das Sehen bieten soll, die Doktoren Paul Bach-y-Rita und C. C. Collins mit ihrer Arbeitsgruppe.

Das von der Fernsehkamera in einem Raster aus 20 mal 20 quadratisch angeordneten Bildpunkten aufgenommene und in entsprechende elektrische Impulse verwandelte Bild wird den 400 ebenfalls quadratisch angeordneten Vibratoren im Rückenpolster des Zahnbehandlungsstuhls zugeleitet. Sie bewegen die 400 Metallstifte mit den Teflonköpfen, die mit dem Rücken des auf dem Stuhl sitzenden Blinden in Berührung sind. So entsteht auf einer etwa 30 cm mal 30 cm großen Hautfläche ein – freilich recht grob gerastertes – Vibrationsmuster, dessen Gestalt dem Gegenstand vor der Kamera gleicht.

Fünf Studenten und ein am Institut tätiger Psychologe sind bisher am VSS trainiert worden. Die Gummilinse der Fernsehkamera ermöglicht es dem Blinden, den aufgenommenen Gegenstand gewissermaßen von größerer und geringerer Entfernung aus zu "betrachten", also die groben Umrisse wie auch feinere Details zu erfassen.

Im Training mußten die fünf blinden Männer zuerst lernen, vertikal und horizontal verlaufende Geraden zu erkennen, dann Kreise, Dreiecke, Vierecke, Ellipsen und schließlich dreidimensionale Objekte wie einen Stuhl, ein Telephon, eine Tasse oder einen Konus. Nach wenigen Übungsstunden beherrschten die Versuchspersonen ein "Vokabular" von 25 Gegenständen des täglichen Lebens, die sie so schnell erkannten wie ein sehender Mensch.

Auch mehrere gleichzeitig dargebotene Objekte wurden ohne Schwierigkeit erkannt, selbst dann noch, wenn sie sich zum Teil überlappten, wie die kalifornischen Forscher in der Zeitschrift "Nature" (8. März) mitteilen.