Von Rolv Heuer

Eine junge Italienerin hat die erotische Heldin der siebziger Jahre konstruiert –

Gaia Servadio: "Melinda", Roman, aus dem Italienischen von Arianni Giacchi; Rowohlt Verlag, Reinbek; 368 S., 25,– DM.

Ihr psychisches Inventar stammt von Lorelei und Lolita, Kleopatra und Jodelle, Marie Antoinette und Catharina de’ Medici, von Modesty Blaise, Mary Shelly, Jackie Onassis. Jedoch, tausend Namen nennen "Melinda" nicht.

Melindas Vater ist der Verleger Abraham Publishing, und in Abrahams Schoß kehrt Melinda als reife Dreizehnjährige zurück. Melindas Bruder Medoro geht aus dem Verhältnis mit ihr – geläutert – als Homosexueller hervor, und auch der eilends konsultierte Psychoanalytiker Hochtensteil findet bei Melinda nur die Lösung seiner eigenen calvinistischen Komplexe. Frei nach dem Motto "Kraft durch Freud" läßt sich der Professor von seiner Emanzipatientin verführen.

Damit ist Melindas Ausbildung abgeschlossen. Als Ein-Personen-Harem tritt sie "ins Leben", bringt gleich ein Kind "zur Welt" und wird so Mutter ihres Bruders, Der kleine Jupiter ist das erste von vier Kindern aus sieben Ehen – eine deutliche Überproduktion, die Melinda mit acht Morden wieder wettmacht. Doch davon später.

Warum eigentlich später? Schließlich bringt sie schon ihren ersten Schwager um. Ausgerechnet Amanita phalloides mischt sie ihm ins Pilzgericht. Der Herzog stirbt, seine tutige Gattin ("in ihrer Wabbeligkeit wirkte sie irgendwie unterernährt") ist als Pilz-Fan bekannt und kommt ins Irrenhaus, Melindas Mann als Titel-Erbe ins Oberhaus, Melinda selbst ins Unterhaus, wo sie prompt ein Verhältnis mit dem Premierminister anfängt, der sich übrigens freiberuflich als Spion betätigt. Auch davon nicht später.