Von Renate Kingma

Da helfen keine Bregenzer Festwochen und kein Konstanzer Feuerwerk, keine Bodenseefelchen und kein Meersburger Ruländer – der Fremdenverkehr am Bodensee hat nachgelassen und gibt zu der Besorgnis Anlaß, ob das "Schwäbische Meer" seine Anziehungskraft verloren hat. In ermutigende Ratschläge für den Auftraggeber, den "Internationalen Bodenseeverein", verpackt, gibt ein Gutachten des Seminars für Fremdenverkehr an der Hochschule St. Gallen darüber Auskunft, daß die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von Urlaubern am Bodensee zurückgegangen ist. Das Gutachten liegt seit einem Jahr vor und wurde jetzt erst veröffentlicht, weil der Auftraggeber dem wenig erfreulichen Ergebnis von 1967 die Zahlen von 1968 gegenüberzustellen wünschte. In St. Gallen rechnete man noch einmal alles nach, aber das Ergebnis blieb sich gleich.

Ausgehend von den Erhebungen des DIVO-Institutes, wonach sich zwischen 1956 und 1966 die Reisefreudigkeit der erwachsenen deutschen Bundesbürger nahezu verdoppelte, ergab eine Fragebogenaktion bei Verkehrsämtern und Beherbergungsbetrieben im Bodenseeraum nur eine etwa achtprozentige Steigerung bei den Ankünften und einen Rückgang der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer am See: In anderen deutschen Erholungsgebieten liegt sie bei sieben Tagen, am Bodensee sind es nur 3,6 Tage. Demnach dominiert der Durchgangsverkehr, man fährt in den Süden und macht ein paar Tage Halt, um gleichsam am Wege die Mainau und die Birnau mitzunehmen. Die Saison am Bodensee ist kurz, 80 Prozent aller Übernachtungen finden von Mai bis Oktober statt, wenn man von dem Feldzug der Osterfeiertage absieht.

Nach den Erfahrungen des Seminars für Fremdenverkehr sind es vor allem ältere Mittelstandsbürger, die ihren Urlaub am Bodensee verbringen, die Jugend zieht es mehr in den Süden oder an die See, auf die Insel Sylt vornehmlich. Will man den typischen Bodensee-Urlauber aus den trockenen Zahlen dieser Erhebung filtern, so stellt sich ein 45- bis 65jähriger "kleiner" Angestellter oder Handwerker mit einem Monatseinkommen von 1000 bis 1800 Mark vor. Er reist mit seiner Frau, die halbwegs erwachsenen Kinder bleiben zu Hause. Er gönnt sich einen Erholungsurlaub, in dem auch etwas Bildung enthalten ist. Er möchte zugleich die Pfahlbauten von Unteruhldingen, das Spielkasino in Lindau oder das Drostezimmer in der Meersburg besichtigen.

Die Reisezeit am Bodensee ist also kurz, der Winterschlaf lang. Einer Wintersaison gibt das Hochschulgutachten keine Chance, weil am milden Gestade des Sees der Schnee fehlt und die Anfahrt in die Berge mühsam ist. Auch steht einem nicht der Sinn nach kulturhistorischen Besichtigungen, wenn es nieselt und nebelt, und es nieselt und nebelt hier eben viel. Nicht einmal die in die Untersuchung einbezogenen alpennahen Städte Feldkirch und Dornbirn (Österreich) haben es bisher vermocht, Wintergäste anzuziehen, obwohl es von dort bis in die Berge nur eine halbe Autostunde ist.

Mit guten Vorschlägen und nachsichtiger Kritik wollen die Autoren der Untersuchung (stellvertretender Seminarleiter Dr. Claude Caspar und Dr. oec. H. P. Schmidthauser) den Bodenseestädten helfen, ihre Eigenarten besser herauszustellen, um den Reiz der Auswahl zu erhöhen. "Ein neues Image für den Bodensee gesucht", schrieb der Redakteur der "Bodenseehefte" Karl-Heinz Bischoff zum Auftakt der neuen Reisesaison. Auf der nächsten Jahresversammlung des "Internationalen Bodensee-Vereins" am 11. April in Bregenz wird man eine Antwort hören. Werbeberater aus drei Ländern wurden aufgefordert, dieses neue Image zu schaffen und publikumswirksam darzustellen. Die Leiter der drei Touristikzentralen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz werden in Kurzreferaten neue Werbekonzeptionen vorschlagen. Unter anderem dieses:

Eine neue Ferienkarte für Schiffsreisen auf allen planmäßigen Schiffen der Bundesbahn hat 15 Tage Gültigkeit und bietet für 33 Mark enorme Vergünstigungen gegenüber den normalen Preisen. Ähnliche Ermäßigungen gibt es für Bahnreisen in die nähere Umgebung des Sees.