Stuttgart

Verkauft sind sie noch nicht, und manche halten sie doch für verkauft: die 50 Prozent der Anteile an den Firmen Stuttgarter Zeitung, Verlagsgesellschaft Eberle & Co. sowie Turmhaus GmbH Verlag und Druckerei, und die über 70 Redakteure und rund 400 Angestellten und Arbeiter im Dienste der Stuttgarter Zeitung und des Verlages. Beide Gesellschaften gehören zu je einem Viertel dem Herausgeber und geschäftsführenden Gesellschafter der Stuttgarter Zeitung, Professor Dr. h. c. Josef Eberle, der Erbengemeinschaft des verstorbenen Mitherausgebers Erich Schairer, der Witwe von Robert Bosch, Frau Margarete Bosch, und der Stuttgarter Zeitungsverlags GmbH, die wiederum vorwiegend der Deutschen Verlagsanstalt und damit den Kindern von Robert Bosch gehört.

Am 1. April verbreitete es sich wie ein Aprilscherz im Stuttgarter Verlagsgebäude, dem vierzehnstöckigen Turmhaus, dann wurde es in einer eilends einberufenen Redaktionskonferenz zur Gewißheit: Die Deutsche Verlagsanstalt und Frau Margarete Bosch wollen ihren 50-Prozent-Anteil an der Stuttgarter Zeitung und an der Turmhaus Druckerei verkaufen. Sicherlich nicht, weil die Stuttgarter Zeitung mit ihrer 160 000-Auflage zu den ertragreichsten Zeitungen in der Bundesrepublik zählt. Sicherlich nicht, weil sie mit ihrem Anzeigenaufkommen zu den fünf größten im Bundesgebiet zählt. Vielleicht wegen ihrer liberalen Meinungsbildung, die erzkonservativen CDU-Doktrinen ebenso verschlossen ist wie revolutionären Sozialisierungsbestrebungen? Auch das hat bis jetzt noch niemand zugegeben. Oder sollte der Grund einfach darin liegen, daß der Name Bosch nur noch mit Zündkerzen, nicht aber mit publizistischem Zündstoff in Verbindung gebracht werden soll?

Immerhin scheint dieser Verdacht nahezuliegen. Am 5. April teilten nämlich die Gesellschafter mit, daß bei der bevorstehenden Änderung der Besitzverhältnisse an der Stuttgarter Zeitung als einer unabhängigen,überparteilichen und demokratischen Tageszeitung nichts geändert werden solle. Das aber ist ein Prädikat, das heute jede Zeitung gerne vorweist. Im Grunde aber besagt es nicht viel über Kurs und Stil der Zeitung und kann deshalb sehr unterschiedlich interpretiert werden.

Dennoch scheinen sich die Redakteure der Stuttgarter Zeitung fürs erste damit zufriedenzugeben. Es ist für sie zwar nach wie vor rätselhaft, warum verkauft werden soll, warum die beiden Mitgesellschafter Eberle und Schairer-Erben erst wenige Tage vor der Bekanntgabe an die Redaktion von den Verkaufsabsichten der Bosch-Familienmitglieder unterrichtet worden waren und wer der Käufer sein wird. Fest steht nur soviel, daß die verkaufslustigen Gesellschafter ihre Anteile zunächst einmal den beiden anderen Mitinhabern anbieten müssen. Nur wenn diese nicht zugreifen, können andere Interessenten einsteigen. Genannt werden vor allem der Oberlenniger Papierfabrikant und nordwürttembergische CDU-Vorsitzende Dr. Klaus Scheufeien und der Stuttgarter "Christ-und-Welt"-Verleger Holzbrink. Interesse soll auch die Münchner Süddeutsche Verlags GmbH bekundet haben, die bereits einen Kapitalanteil an den Stuttgarter Nachrichten, dem Konkurrenzblatt der Stuttgarter Zeitung, besitzt. Vorerst aber sind Josef Eberle und Schairer-Erben am Zug. K. A.