Von Karoll Stein

Seit Jahr und Tag mahnen die Kulturfunktionäre die Theater, sich der sozialistischen Gegenwart anzunehmen. Das Berliner Ensemble, ansonsten eher mit der treulichen Pflege des Brecht-Erbes beschäftigt, ist jetzt dem Wunsch der Partei nachgekommen: In der vergangenen Woche fand die Uraufführung der "Johanna von Döbeln" von Helmut Baierl statt, übrigens die erste Premiere in dieser Saison im Theater am Schiffbauerdamm. Baierl gehört seit nunmehr zehn Jahren dem Brain-Trust des Berliner Ensembles an, und wie sein frühes Schauspiel "Frau Flinz" ist auch die "Johanna von Döbeln" in enger Zusammenarbeit mit Manfred Wekwerth geschrieben, dem Chefregisseur des Hauses. In beiden Stücken erweist sich Baierl als kluger Brecht-Schüler, der nicht nur die dramaturgische Methode des Meisters weiterführt, sondern geradezu Brechts che Figuren übernimmt und ihre Geschichte weitererzählt, unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. So entpuppte sich Frau Flinz als eine zweite Mutter Courage, die der Autor in die DDR der Nachkriegszeit versetzt hatte, auf daß sich ihr subversiver Familienegoismus im Staat der Arbeiter und Bauern zum klassenbewußten Allgemeininteresse läutere. Und hatte Brecht einst die traditionsreiche Heilige Johanna in den kapitalistischen Sumpf, die Schlachthöfe von Chicago geschickt, so läßt Baierl sie als naives Hannchen in einem sächsischen Musterbetrieb agieren, dem "Roten Banner" von Döbeln.

Tatsächlich gibt es den volkseigenen Betrieb "Rotes Banner" am Rande der Industriestadt Döbeln, und sicherlich gibt es auch den kleinen Ort Nächterstett, wo Johanna Deicke als LPG-Lehrling arbeitet, bis sie sich eines Tages von der Stimme eines imaginären Großvaters zu Höherem berufen fühlt. Das Mädchen vom Lande, das sich keß und naiv ins hochgelobte "Rote Banner" einschleicht und mit Charme und Hartnäckigkeit bis zur Betriebsleitung vordringt – das erinnert weniger an Brecht als an die Johanna von Shaw, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Denn während Shaw die heroische Aura der historischen Johanna destruiert, die Kategorie der Größe auf die der Vernunft reduziert, geht es Baierl gerade darum, Vernünftigkeit oder schlicht gesunden Menschenverstand zu heroisieren, die Alltäglichkeit des Arbeitsplatzes in die historische Bedeutsamkeit zu transzendieren.

In einem Aufsatz "Wirklichkeit und Theater" schrieb Baierl 1966: "Es muß der Dramatik möglich sein, hat sie als Hauptfeld den ruhigen Alltag vor sich (nicht die Bewegung auf der Straße), den Alltag bei uns als Sensation darzustellen, wie die Ruhe als Bewegung. Die alltägliche Arbeit der vielen als einmalige Heldentat." Weil aber ein Landmaschinenwerk, auch ein volkseigenes, auf der Bühne nicht so ohne weiteres sensationell und eine sozialistische Naive nicht unbedingt heldisch wirkt, wird die alltägliche Geschichte von den Schwierigkeiten eines jungen Mädchens, sich dem Produktionsprozeß anzupassen, in die tradierten Konstellationen der umfangreichen Johannen-Dramatik gefügt. Zum Beispiel: Jeanne d’Arc erkennt den König inmitten seines Gefolges. Johanna Deicke erkennt ebenso sicher den Werkleiter, obgleich der seinen Platz mit dem Kaderleiter vertauscht hat. Oder: Jeanne krönt den König zu Reims. Hannchen, inzwischen zur Chefsekretärin avanciert, darf dem Werkleiter den großen goldenen Orden anheften, den er für die Entwicklung eines neuen Krans bekommen hat. Diesem dramaturgische Aufbau entspricht auf der sprachlichen Ebene eine stark rhythmische Stilisierung, die die Verwendung von Blankvers und Hexameter einschließt.

Baierls Komödie ist ein wichtiger, wenn auch nicht unproblematischer Versuch, die Arbeitssphäre theatralisch darstellbar zu machen. Die Gefahr unfreiwilliger Komik oder auch nur der Parodie liegt zumindest nahe – und das sächsische Hannchen ist ja gerade nicht parodistisch gemeint, soll vielmehr durch die historische Parallele erst Bedeutsamkeit gewinnen.

Diese Gefahr wird in Manfred Wekwerths brillanter Inszenierung mit erstaunlicher Sicherheit überspielt. Die Diskrepanz zwischen dem hundertjährigen Krieg und dem VEB "Rotes Banner" ist in souveräner Heiterkeit aufgehoben. Andreas Reinhardts großartiges Bühnenbild, das die einzelnen Schauplätze hinter einen hellen Rahmen verlegt, unterstützt die distanzierte Haltung der Schauspieler zur Rolle, wie sie Brecht gelehrt hat. Und gerade mit solcher Distanz, einem leichten Augenzwinkern zum Publikum, meistert Renate Richter ihren schwierigen Part. In Anorak und schmalen Hosen, zarte Assoziation an eine Ritterrüstung, gelingt es ihr, an Jeanne zu erinnern und Hannchen glaubhaft zu machen. Freilich kann auch sie nicht verhindern, daß die von der Rolle vorgeschriebene Naivität die Geduld der Zuschauer reichlich strapaziert. Man kann da nur die volkseigene Werksleitung bewundern und hoffen, daß sie sich mit weniger naiven Fragern ebenso gründlich und wohlmeinend auseinandersetzt. Zu bedenken bleibt nämlich leider, daß die Synthese zwischen dem humanistischen Anspruch, auf dem das Hannchen besteht, und der technokratischen Orientierung an Produktionsziffern eine Phase des entwickelten Sozialismus voraussetzt, die in der DDR wohl kaum erreicht ist – wenn auch Baierl so glückliche Zeiten schon vorwegnimmt.

Eine ganze Reihe "zeitgenössischer Stücke aus der Feder von DDR-Autoren" will das Deutsche Theater dem 20. Jahrestag der Republik widmen, freilich bisher mit wenig Glück. Der bereits für Januar angekündigte Einakterabend hat es bislang immer noch nicht zu Premierenreife gebracht. Aus Mangel an Gegenwartsdramatik besann man sich schließlich auf Hermann Kants Erfolgsroman "Die Aula" und folgte damit dem Landestheater Halle, das bereits zuvor mit seiner Bühnenfassung in Berlin gastiert hatte.