Von Ulrich Schiller

Moskau, im April

Die Moskauer Brotläden verkauften wieder den Kulitsch – Ostern stand vor der Tür, das Ostern der orthodoxen Christen. Durch die Plastikhülle schimmert der Zuckerguß auf dem Hefenapfkuchen, in dem sich einige Rosinen verloren haben. 2 Rubel 36 Kopeken kostet der Beitrag des Staates zum Osterfest. Es ist nicht der einzige. Außer dem Kulitsch stellt der Staat zur Verfügung: Miliz zum Schutze der Gläubigen und Druzhenniki – freiwillige Polizeihilfe – zum Schutze der Jugend vor dem Glauben.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit ist der Ostersonnabend immer ein Bild friedlicher Koexistenz. Vom frühen Vormittag an wandern weiße Punkte wie an einer unsichtbaren Schnur auf die "arbeitenden" Kirchen zu (jene Kirchen also, die nicht nur architektonisches Zierwerk oder verfallenes Mauerwerk sind), Treidelpfade zur Segnung der Pas’cha, der Osterspeise aus Quark. Kulitsch und Pas’cha, noch ein, zwei bemalte Eier dabei, sind in ein weißes Tuch geschlagen, Es wird am Knoten getragen, und niemand geniert sich, es offen zu zeigen.

Die weißen Bündel versammeln sich zu einer dichten Kette, wenn ihre Träger und Besitzer vor dem winzigen Fenster am Kirchhofstor eine lange Schlange bilden, um Kerzen zu kaufen. Danach schaukeln die Bündel durch die bunte Menge und öffnen sich auf den Tischen, die rund um die Kirche aufgebaut sind. Ein Kommen und Gehen. Der Pope macht in regelmäßigen Abständen die Runde, versprengt das Weihwasser über Kuchen und Gläubige. Da wogt die bunte Menge, redet laut mit Händen, schlägt das Kreuz und betet, Kopftuch an Kopftuch. Und Hände eines verarbeiteten Lebens schlagen behutsam die Tuchzipfel über dem Kulitsch wieder zusammen. Am Abend hat sich die Szene verwandelt.

Im Nowo-Dewitschi-Kloster: es ist noch viel Zeit bis zum mitternächtlichen Ostergottesdienst. Trotzdem ist der Klosterhof schon wieder voll von Menschen. Eine seltsame Spannung liegt darüber. Die Gläubigen drängen zum Eingang der Kirche. Nur wer Stunden vorher da ist, wird hineinkommen. Den Hauptweg säumen junge Männer. Sie tragen rote Armbinden mit der dünnen weißen Aufschrift "Druzhennik",

Für die Kirchgänger sind die letzten hundert Meter wie ein Spießrutenlaufen. Verächtliche, überlegene, mitleidige Blicke treffen sie aus dem Spalier der Druzhenniki, als würden die Kirchgänger einer Musterung unterzogen. Da hat man unter ihnen eine jugendliche Seele entdeckt. Heraus mit ihr aus dem Strom! Ein junger Sowjetmensch hat im Ostergottesdienst nichts zu suchen. Sie hatten mich zu spät als Ausländer erkannt, als sie auch meine dreizehnjährige Tochter angingen. Es war ihnen peinlich. Ihren Ausleseeifer erklärten sie mit der Absicht, jugendliche Krachmacher aus der Kirche herauszuhalten.