Von Hansjakob Stehle

Seine Hände zitterten, und in seinen Augen standen Tränen. Bewegt verkündete der tschechoslowakische Informations-Minister Havelka am Abend des 2. April vor den Fernsehkameras den vorläufigen Ausklang der jüngsten Krise. Heraufbeschworen hatten sie die antisowjetischen Exzesse vom 28. März; leicht hätten sie zu einem Militärputsch oder Schlimmerem kommen können – wenn Moskau nicht doch zurückgeschreckt wäre.

"Die Verbündeten haben uns noch einmal eine Chance gegeben, unsere Angelegenheiten selbst zu regeln", sagte Havelka. Wenige Tage lang hing diese Chance nur an dem dünnen, schon brüchigen Faden sowjetischer Geduld. Nun wurde sie gewährt – für einen "hohen politischen Preis". Welchen Preis? Parteichef Dubček umschrieb ihn 24 Stunden später als eine "Verzögerung positiver Lösungen der dringenden Hauptprobleme", also der Reformpolitik. Die Rückkehr zur Vorzensur und das Ende der fast unbeschränkten Versammlungsfreiheit ist der bitterste Kern dieses "Preises", von dem, wie Dubček zugab, zu fürchten ist, daß er nur neue Spannungen erzeugt.

Was aber hat Dubček am 3. April dennoch ungebrochen, ja energisch und selbstsicher vor sein Volk treten lassen, ihn, den noch Stunden vorher eine gesteuerte, auf Panik zielende Gerüchteflut in Prag wieder einmal ins politische Nichts stürzen wollte? Was gab ihm den Mut, in dieser dramatisch-warnenden Rede nicht weniger als achtmal auf der "Nach-Januar-Politik" zu beharren, auf jenem Reformkurs also, an dem sich die tschechoslowakische Dauerkrise entzündete?

Gerade weil sich der politisch-militärische Druck der Sowjetunion in diesen Tagen so unverhüllt wie nie seit dem Truppenabkommen des 18. Oktober darbot, gewannen die Prager Reformer die Möglichkeit, ihr Volk, aber auch die Widersacher in den eigenen Reihen, ganz unverblümt mit jener Alternative zu konfrontieren, die man in Moskau lieber durch Freundschaftsbezeugungen verdeckt gesehen hätte:

"Entweder es gelingt uns, die öffentliche Ordnung sofort zu sichern, alle extremen Erscheinungen, antisowjetische und antisozialistische Äußerungen auszuschalten oder aber die wachsende Spannung der inneren Lage und der äußeren Beziehungen wird uns dorthin zurückwerfen, wo wir Ende August waren", sagte Dubček und fuhr dann fort: "Ich weiß nicht, wer das wünschen könnte. Ich weiß nur, daß das Volk dies eine wünscht: eine Partei- und Staatsführung, die durch die komplizierte Periode ohne innere Konflikte und Katastrophen so hindurchführt, daß die ungelösten Aufgaben der Nach-Januar-Politik im Einvernehmen mit den Wünschen der absoluten Mehrheit des Volkes und der Parteimitglieder gelöst werden können. Wir haben genug innere Kräfte, die uns instandsetzen, das zu erreichen – und wir müssen es erreichen..."

Das klang nicht nach Resignation, schon gar nicht nach Kapitulation. Es war der bange, aber keineswegs verzweifelte Ruf an ein Volk, das diesen Mann in den Augusttagen mit so überwältigendem Vertrauen legitimiert hatte, wie es keinem kommunistischen Politiker je zuteil geworden war. Indem Dubček in aller Öffentlichkeit mitteilte, daß "die Zeit, die wir für die Konsolidierung haben, nicht unbegrenzt ist", daß also die Chance, die Moskau einräumt, ultimativ befristet wurde, enthüllte er zugleich die Schwäche jener Großmacht: Sieben Monate nach dem Einmarsch im Lande ihres Verbündeten hat sie noch immer die feindseligen Gefühle, die sie selbst dort erzeugte, zu fürchten und kann auf sie nicht anders als mit Verboten und Drohungen reagieren. Und immer wieder bleibt sie dabei auf Politiker angewiesen, deren Beseitigung das erklärte Zeil ihrer Intervention war. Immer von neuem ist sie genötigt, die Widerstände zu stärken, die sie doch hatte brechen wollen.