Von Joachim Schwelien

Washington, im April

Obgleich er als "First Secretary of the State" an der Spitze des Kabinetts rangiert, ist vom amerikanischen Außenminister William Pierce Rogers bis nach Ostern in der Öffentlichkeit weniger zu sehen oder zu hören gewesen als von irgend einem anderen Minister unter Präsident Richard Nixon. Nur einmal erschien er vor dem Außenpolitischen Senatsausschuß, schnitt aber dabei vor den "Tauben" um Senator Fulbright unerwartet gut ab: Er gab sich als konziliant und vermied Dramatisierungen, obwohl ihm vorher nachgesagt worden war, er zeichne sich durch besonderes Mißtrauen gegen die Sowjetunion und unbeugsame Härte aus.

Nach Ostern ist Rogers nun in seiner ersten Pressekonferenz mit einigen gelassenen Prognosen aufgetreten, die verraten, daß er große Entschiedenheit mit sehr viel Biegsamkeit zu vereinen versteht. Er verkündete einen Aufschub von Wirtschaftssanktionen gegen Peru, das eine amerikanische Erdölgesellschaft entschädigungslos enteignet hat und nach dem Hickenlooper-Gesetz jetzt mit der Einstellung der amerikanischen Wirtschaftshilfe bestraft werden müßte. Da dies in der interamerikanischen Allianz ebensoviel böses Blut machen würde wie seinerzeit die Intervention in der dominikanischen Republik, bediente sich Rogers einer weitherzigen Auslegung des Gesetzes und ließ den Peruanern Spielraum für weitere Verhandlungen.

Weiter verkündete er, die Beratungen mit der Sowjetunion über eine Begrenzung der Rüstung mit strategischen Waffen könnten zwischen Frühjahr und Sommer aufgenommen werden. Dem von seinem Kollegen im Pentagon, Melvin Laird, an die Wand gemalten Gespenst von sowjetischen Vorbereitungen für einen ersten atomaren Schlag schenkt Rogers wenig Glauben. Ihm erscheint unvorstellbar, daß sich irgendeine Macht auf einen nuklearen Präventivkrieg einlassen könnte.

Den Israelis versicherte Rogers noch einmal, Amerika wolle im Nahen Osten niemanden eine Friedensregelung aufzwingen, doch bedeutete er zugleich allen Kontrahenten, die Großmächte würden ihren Einfluß zur Geltung bringen, wenn sich die streitenden Parteien nicht untereinander einigen könnten.

Für Vietnam erwartet Nixons Außenminister den Beginn des Abzuges aller fremden Truppen aus dem Süden noch in diesem Jahr, doch lehnt er einen einseitigen amerikanischen Truppenabzug ab. "Wir wägen alle Möglichkeiten ab, bemerkte er. Dieses Abwägen bestimmte all seine Betrachtungen über die Probleme der Welt.