Berlin

Sitten-Razzia in Kudamm-Hotel", so hieß die Schlagzeile auf der ersten Seite der Berliner Zeitung (BZ). Darüber der polizeilich garnierte Sexkitzel: "Kripo störte reges Liebesleben." Darunter aufgewärmte Reminiszenzen: "Ex-Chef der Pension Clausewitz wieder dabei." Axel Springers BZ hatte die Story exklusiv. Sie verlegte die Seitenstraßenabsteige der besseren Optik wegen an den Kurfürstendamm und sparte nicht mit knalligen Lettern, um dem auf Seite eins verheißenen Sündenbabel im Innenteil des Blattes gerecht zu werden.

Dort zäumte BZ-Redakteur Armin Zipser mit den Mitteln seiner Zeitung die polizeiliche Durchsuchung des Hotels "Nobel" zur "größten Hotelrazzia der Berliner Sittenpolizei" auf. Seine Superlative waren fett gedruckt, die Normalschrift aber ausreichend, um das magere Ergebnis der "Sitten-Razzia" bekanntzugeben: acht Mädchen besaßen keine Kontrollkarte des Gesundheitsamtes. Zur "Schlüsselfigur" ernannte die BZ den 51jährigen Hamburger Kaufmann Hans Helmcke, dem das Blatt vor vier Jahren zu unrecht per Schlagzeile nachgesagt hatte, er habe ein "Spionagenest im Bordell" betrieben. Vor einem Vierteljahr pachtete Helmcke die dem Hotel "Nobel" angeschlossene Bar "Café Chérie", deren weibliche Gäste gewillt sind, den männlichen Kunden gegen Entgelt auf eines der zwanzig Hotelzimmer zu folgen. Dergleichen geschieht seit Jahren jede Nacht in mehr als hundert Westberliner Pensionen, ohne daß jemals die Polizei Anstoß daran genommen hat. Entsprechend wunderte sich Günther Matthes, Ressortleiter für Lokales beim Berliner "Tagesspiegel", wieso die Kriminalpolizei ausgerechnet für das Hotel "Nobel" einen richterlichen Durchsuchungsbefehl wegen Verdachts der Kuppelei erwirkt hatte. Bei seinen Recherchen erfuhr der Journalist von der Polizei, ein. Mann habe die Kripo darauf aufmerksam gemacht, daß im Hotel "Nobel" eben jene Damen verkehren, die frei nach Bert Brecht im ungestörten Besitz ihrer Produktionsmittel sind.

Matthes schrieb daraufhin: "Die Kripo reagierte nicht sogleich, möglicherweise in der Überlegung, es sei mißlich, in einer Nacht im Jahr zu verfolgen, was in den übrigen 364 Nächten gewußt, gesehen und geduldet wird." Der Kripo-Informant aber ließ es ob solcher polizeilicher Duldsamkeit mit einem Hinweis nicht genug sein und drückte seine moralische Empörung schließlich in einer Anzeige aus. Da es aber nicht irgendein Mann war, sondern BZ-Redakteur Armin Zipser, entschied sich die Polizei schließlich, dem Verlangen nachzugeben. Nicht zuletzt weil die Gefahr bestand, im anderen Fall für ihre Toleranz büßen zu müssen. Also schritten die Beamten zur Tat – mit ihnen der BZ-Redakteur und sein Photograph. Die anderen Lokalzeitungen gingen leer aus. Bis zum nächsten Vormittag herrschte für sie Nachrichtensperre. Der verantwortliche Kommissar Schießer mag zu den Merkwürdigkeiten keinen Kommentar geben. Hans Helmcke indes ist guter Dinge: "Das Ostergeschäft war gut." Auf einen Gast möchte er jedoch in Zukunft verzichten. D. K.