Tödliche Liebe – Seite 1

Unser Kritiker sah:

ANTONIUS UND CLEOPATRA

Von William Shakespeare

Schiller-Theater, Berlin

Wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt. .. – für eine Kortner-Inszenierung sind es vier Monate – müssen wir dazu dann wohl bravo sagen, oder dürfen wir mit Mephisto "alles herzlich schlecht" finden? Als Fritz Kortner vor kurzem seinen Berliner Shylock von 1927 für das Fernsehen repetierte, verabschiedete sich der Schauspieler Kortner endgültig und erklärte, dem Regisseur Kortner von heute könne der Schauspieler Kortner nicht mehr gerecht werden. Bevölkert er deshalb Bühnen, die, wie jetzt das Schiller-Theater in Berlin, ihm ausnahmehafte Probezeiten bewilligen, mit lauter Kopien seiner selbst? Eigengesichtige Barlog-Schauspieler als Versammlung von Kortner-Chargen – auch das ist ein Inszenierungsergebnis.

Mit einigen Protagonisten jedoch gelang dem Regisseur eine selbständige Sicht auf eine der schwierigsten, meistumgangenen Tragödien Shakespeares: mit Maria Wimmer (Cleopatra), Thomas Holtzmann (Antonius) und Carl Raddatz (Enobarbus). Thomas Holtzmann spielte den Herrn über ein Drittel der damals bekannten Welt aus einem ähnlichen Grundgefühl, wie man es bei einem Berliner Festwochen-Gastspiel des Britischen Nationaltheaters von Laurence Olivier als Othello sah: einen Mann, der den Scheitelpunkt bereits überschritten hat und seinen Feldherrnruhm nun für eine letzte, große Liebe auswertet. Die Enttäuschung ist tödlich. Alles, was Antonius zwischen dem leisen, ersten, fast nebenbei geschehenden Auftritt als Liebhaber Cleopatras und seinem Liebestod am Schluß vollzieht an Politik und Krieg, wirkt unwesentlich angesichts seines Gefühls für die letzte Frau seines Lebens.

Cleopatra, eigentlich eine königliche Hure, wurde durch schauspielerische Interpretation von Maria Wimmer – und Striche im Text halfen dabei – in die Nähe der Kleistschen Penthesilea geführt. Nachdem Cleopatra an Octavius, dem Sieger, das Schwinden ihrer weiblichen Reize feststellen muß, stirbt sie einen großen, romantischen Liebestod. Die Sprachkunst, die Maria Wimmer dabei aufbietet, sucht auf deutschen Bühnen ihresgleichen.

Tödliche Liebe – Seite 2

Entsprechende Leistungshöhe bewährte nur noch Carl Raddatz als der Stabschef des Antonius, Enobarbus. Für den Octavius, den späteren Kaiser Augustus, hätte man sich eine stärkere Persönlichkeit als Jürgen Thormann zum Gegenspieler Holtzmanns gewünscht. Doch gehört Octavius ausschließlich dem politischen Bereich des Stückes an, und im Rahmen der Haupt- und Staatsaktion stand Thormann mit trockener Glätte seinen Mann.

An diesem Werkteil zerbröselte die schier endlose Aufführung. Ein mehr amüsantes als dem Dramatiker Shakespeare gerecht werdendes Ergebnis: über die Politiker macht sich der weise Kortner so lustig wie vorher in seiner Berliner "Sturm"-Inszenierung. Das brachte den Regisseur um einen durchschlagenden Theatererfolg. Doch wegen der Holtzmann-Wimmer-Szenen am Anfang und Ende lohnt es sich, die dreieinhalb Stunden dazwischen abzusitzen.

Johannes Jacobi