Sieben. Monate nach der sowjetischen Besetzung droht den Tschechoslowaken ein neuer August. Die Prager Parteiführung steht jetzt unter dem Druck eines Ultimatums aus Moskau, die Lage in der ČSSR endgültig zu normalisieren. Trotz der Nachrichtensperre, die Prag seit Ostern umgibt, wurde bis zum Wochenanfang soviel bekannt: Moskau hat der Partei- und Staatsführung der ČSSR angekündigt, sie werde eine Militärregierung einsetzen und das Kriegsrecht über das Land verhängen, falls es zu neuen antisowjetischen Demonstrationen kommen sollte. Die Besatzungstruppen (gegenwärtig etwa 70 000 Mann) sollen um etwa drei Divisionen auf rund 100 000 Mann verstärkt werden.

Noch ist der Verdacht nicht widerlegt, daß die Ausschreitungen gegen Einrichtungen der Besatzungsmacht Ende März von prosowjetischen Provokateuren ausgelöst wurden. Polizei, Volksmiliz und Armee der ČSSR stehen in Alarmbereitschaft. Für die Presse wurde wieder die Vorzensur eingeführt. Die parteioffizielle Wochenzeitung "Politika" und das Organ des Schriftsteller-Verbandes "Listy" wurden verboten. In einigen Spitzenpositionen der Massenmedien gab es Umbesetzungen. Der Journalistenverband mußte von der Parteiführung wegen angeblicher Abweichungen von der Parteilinie harte Kritik einstecken.

Parteichef Dubček, über dessen Demission wieder Gerüchte umliefen, erklärte in einer Rundfunk- und Fernsehrede: Das Land befinde sich in der "schwersten Krise" seit der Invasion im August vorigen Jahres und müsse für die antisowjetischen Kundgebungen "schwer bezahlen" (vgl. "Dokumente der Zeit"),

Zu den Zwischenfällen war es in der Nacht vom 28. zum 29. März in verschiedenen Landesteilen der Tschechoslowakei gekommen, nachdem die Bevölkerung den Sieg ihrer Eishockey-Mannschaft über den sowjetischen Weltmeister gefeiert hatte. In Prag wurden die Niederlassungen des sowjetischen Reisebüros "Intourist" und der Fluggesellschaft "Aeroflot" demoliert und angezündet. Das Feuer soll von einer Gruppe älterer Männer gelegt worden sein, die unerkannt entkommen konnten, ehe die Polizei auffällig verspätet eintraf. In Brünn soll es zu Schießereien mit sowjetischen Soldaten gekommen sein. Kasernen und Fahrzeuge der Besatzer wurden mit höhnischen oder feindseligen Parolen beschmiert und beschädigt.

Der Ausbruch des Volkszorns gab den Sowjets Gelegenheit, von einem Versprechen abzurücken, das sie der Prager Führung Anfang des Jahres unter der Hand gegeben hatten: Die ČSSR werde noch 1969 von allen Besatzungstruppen geräumt, wenn sich die Lage im Lande zuverlässig konsolidiere. Am Montag der vorigen Woche wurden Verteidigungsminister Marschall Gretschko, und der stellvertretende Außenminister Semjonow von Moskau nach Prag in Marsch gesetzt, um den "sozialistischen Brüdern" an der Moldau die Leviten zu lesen.

Die beiden Russen brachten eine Note mit, die noch schärfer abgefaßt war als der "Warschauer Brief", den die fünf Okkupationsmächte fünf Wochen vor dem Einmarsch in die ČSSR an die Führung der KPČ gerichtet hatten. Die Hauptforderung lautete jetzt: Prag müsse ab sofort beweisen, daß es antisowjetische Demonstrationen allein oder mit sowjetischer Hilfe zu verhindern wisse. Wenn nicht, würde die Besatzungsmacht auf eigene Faust handeln.

Den Vorhaltungen Moskaus, die Kundgebungen seien "von Konterrevolutionären organisiert" worden, mußte das Prager Parteipräsidium sogleich nachgeben. Es veröffentlichte Mitte voriger Woche ein Kommuniqué, das die Massenmedien und den Volkskammerpräsidenten Smrkovsky, einer der populärsten Reformer, in "Prawda"-Manier zu Sündenböcken abstempelte.