Für die Berliner Insassen der halboffenen Haftanstalten ist jetzt die Zeit des reformierten Strafvollzuges angebrochen. Sie bekommen "Urlaub auf Ehrenwort", Urlaub zur Familie, bis zu sieben Tagen lang, damit die Ehe, die Familie möglichst intakt bleibt. Es ist sozusagen eine Art von Vorbeugeentlassung, ein praktischer Beitrag zur oft zitierten, selten ernst genommenen Resozialisierung. In Hamburg wird diese Lebenshilfe schon seit einigen Jahren gegeben, probeweise und nur in den halboffenen Anstalten. Fast dreihundert Gefangene ließen hier im Dezember die Absperrungen für einige Tage hinter sich; nur neun von ihnen müßten wieder eingefangen werden. Jetzt, nach Ostern, wird wieder gezählt, entscheidet sich nach des Ausgebliebenen Rückkehr, wer das nächste Mal "zu Hause" bleiben muß. Ist die Reform des Strafvollzugs schon im Gange?

Oberamtsrat Schütt blickte über das Gelände seiner Anstalt, während er die vergangenen zwanzig Jahre seiner Arbeit, was soviel heißt wie seines Lebens, überdachte und sagte dann: "Ich bin gescheitert. Sie kamen immer wieder." Diejenigen, die immer wieder kamen und kommen und in der Anstaltsstatistik unter "rückfällig" verwaltet werden, sind Gefangene, an denen der reformierte Strafvollzug schon seit zwei Jahrzehnten erprobt wird.

Hier in dieser Anstalt gibt es keine Mauern, keine Gitter vor den Fenstern, keine scheppernden Eisentüren mit schlüssel- und schüsselklappernden Wächtern mehr. In Hamburg-Neuengamme, in der halboffenen Anstalt auf ehemaligem KZ-Gebiet (die Werkhallen, in denen KZ-Häftlinge Munition herstellten, sind jetzt die Anstaltsbetriebe) sitzen nur leichte Fälle ein, insgesamt sechshundert Vorbestrafte mit zwei Jahren und Nichtvorbestrafte mit drei Jahren Haft. Hin und wieder kommt auch einer mit zehn oder fünfzehn Jahren hierher, der sich in seinem letzten Haftjahr wieder an die "Freiheit" gewöhnen soll. Und in Neuengamme (Schütt: "Böswillige Presseleute sagen Bad Neuen an der Gamme") ist die "Freiheit" Teil des Strafvollzugs.

Es gibt "Festtagsurlaub" und "Urlaub aus wichtigen Gründen", und seit dem vorigen Herbst dürfen Gefangene mit mindestens einem Jahr Haft und sechs Monaten Vollzugserfahrung "Familienurlaub" beantragen – dreimal im Jahr. Dann werden sie zu ihren Familien – Verlobte ausgenommen – gefahren oder zu den Eltern, für sieben Tage, für sechs Tage, für fünf Tage oder – gar nicht.

Der Urlaub muß bewilligt werden, und er kann nur bewilligt werden, wenn der Gefangene willig war, die Gruppen C 3, C 2, C 1, B 3 mit Hilfe von "Disziplin" und "Arbeitsfähigkeit" zu durchlaufen, um dann in B 2, A 3, A 2, A 1 mit Urlaub belohnt zu werden.

"Urlaub ist eine Anforderung an den Gefangenen. Er soll es sich zu Hause nicht gemütlich machen, er soll an den Problemen der Familie teilnehmen und sich verantwortlich fühlen."

Der Häftling Hermann Sch. ist 36 Jahre alt, er ist verheiratet und hat vier Kinder. Er gehört zu Oberamtsrat Schütts Wiedergekommenen. Er bezeichnet sich selber beschönigend als Pro-mille-Täter und ist wegen wiederholter Betrügereien in Neuengamme. Für Hermann Sch. bedeutet es eine ganze Menge, sieben Tage oder auch nur fünf zu Hause zu sein, nicht zuletzt deshalb, weil die Nachbarn seiner Frau und die Kinder in der Schule seinen Kindern und seine Kinder ihm glauben müssen, daß mit seinem Vertreterberuf alles beim alten sei. Und "Urlaub auf Ehren-Wort" ist nicht zuletzt auch deshalb wichtig, weil der Häftling einen neuen Job suchen muß, damit er, wenn er wieder draußen ist, gleich Geld verdienen kann.