Die deutschen Gewerkschaften stehen in einer programmatischen und politischen Krise; wie der SPD, so wird auch ihnen ihr "Godesberg" nicht erspart bleiben

Die Gewerkschaften haben es nicht sonderlich gern, wenn sich Außenstehende mit ihren Sorgen und Problemen beschäftigen; mit Mißtrauen und allergischer Empfindsamkeit pflegen sie insbesondere auf "Ratschläge" zu reagieren, die ihnen zur Lösung dieser Probleme von Leuten gegeben werden, die das Mitgliedsbuch nicht in der Tasche tragen.

Indes, zu den im DGB zusammengeschlossenen 16 Industriegewerkschaften gehören 6,5 Millionen Arbeiter und Angestellte. Der DGB ist damit der mit Abstand größte Interessenverband in der Bundesrepublik.

Wer so groß ist, muß es sich gefallen lassen, daß die Öffentlichkeit lebhaften Anteil nimmt an allem, was in diesem Verband vor sich geht; selbst dann, wenn es sich um so interne Angelegenheiten wie Fragen des organisatorischen Aufbaus handelt.

Aber im Grunde geht es ja auch bei der Reform des Deutschen Gewerkschaftsbundes um weit mehr als nur um eine Änderung und Straffung seiner Organisation. Hinter den innergewerkschaftlichen Auseinandersetzungen um eine zeitgemäße Organisationsstruktur verbergen sich programmatische Meinungsverschiedenheiten; und diese sind in ihrem Kern wiederum eminent politischer Natur.

Zur Debatte steht eine neue Fixierung des Standorts der Gewerkschaften in dieser Gesellschaft und in diesem Staat. Anders wäre die dramatische Zuspitzung der Reformdiskussion in den Gewerkschaften und die – Verwendung so harter Bandagen beim Ringen um die Rosenberg-Nachfolge auch nicht zu erklären. –

Der Deutsche Gewerkschaftsbund ist keine geschlossene organisatorische Einheit; er ist eine mehr oder weniger lockere Föderation selbständig agierender Einzelgewerkschaften, die auf diese Selbständigkeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit eifrig pochen. Sie beherrschen die obersten parlamentarischen DGB-Gremien, in denen der Kurs festgelegt wird. Die Exekutive ist an die Beschlüsse und Weisungen dieser Gremien gebunden.