Von Theodor Eschenburg

Die katholische Kirche ist in Bewegung geraten. Begonnen hat diese heilsame Unruhe mit dem Appell von Johannes XXIII. zum "Aggiornamento", zur Anpassung der Kirche an die Welt. Das Zweite Vatikanische Konzil schuf dann die Grundlagen zur Demokratisierung, die Papst Paul VI. mit einigen Reformen der Kurie und der Liturgie in die Wege leitete. Dazu gehört auch seine jüngste Entscheidung zur Änderung der Kleidervorschriften für die Kardinäle.

Der katholische Theologe Hans Küng sagt in seinem Buch "Wahrhaftigkeit. Zur Zukunft der Kirche", das vor kurzem in der vierten Auflage erschienen ist, über die epochale Krise seiner Kirche: "Wir machen heute nicht nur, wie man oft betont, das Ende des Tridentinischen Zeitalters mit, sondern auch das Ende des kirchlichen Mittelalters, insofern es scholastisch, juristisch, hierarchisch, zentralistisch, sakramentalistisch, traditionalistisch, exklusiv und oft auch abergläubisch war. Sehr mühsam muß jetzt in kurzer Zeit nachgeholt werden, was die katholische Kirche versäumte an positiv-konstruktiven Auseinandersetzungen mit den Strömungen der Neuzeit." Nach Küngs Diagnose ist die innere, wie er sagt, "hypertrophe Autoritätsstruktur" eine der Ursachen für die Beschädigung des Glaubens. In einer Demokratisierung der Kirche sieht er zwar nicht die einzige, aber eine wesentliche Therapie.

In anderthalb Jahrtausenden hat sich die Kirche immer den wandelnden Herrschaftssystemen auf ihre Art angepaßt, ohne ihre innere Struktur grundlegend zu ändern. Aus den demokratischen Kirchengemeinden der frühchristlichen Zeit entwickelte sich seit dem 4. Jahrhundert eine dem römischen Herrschaftssystem angepaßte Kirchenorganisation mit dem Papst an der Spitze. Im mittelalterlichen Reich ordnete sich die Kirche in das Feudalsystem ein. Als im Ringen zwischen Kaiser, Papst und Fürsten im 12. und 13. Jahrhundert die Staatlichkeit des Reiches ausgehöhlt und die der deutschen Territorien ausgebildet wurde, nahmen an diesem Prozeß die geistlichen Fürsten teil, die in ihrem Gebiet Bischöfe und Herrscher zugleich waren.

Für die Macht der katholischen Kirche in Deutschland bedeutete die Säkularisierung der geistlichen Fürstentümer durch Napoleon 1804 eine schwere Einbuße, denn auf deren Existenz beruhte im wesentlichen das konfessionelle Gleichgewicht der Friedensregelung nach dem Dreißigjährigen Krieg. Nach dem Wiener Kongreß wurden, abgesehen von Österreich, alle deutschen Länder außer Bayern von protestantischen Dynastien regiert, während an die 40 Prozent der deutschen Bevölkerung katholisch waren. Als Verfassungen und mit ihnen das Zweikammersystem eingeführt worden waren, saß in den aristokratischen ersten Kammern auch der protestantischen Länder die hohe Geistlichkeit. Aber das genügt im Konstitutionalismus nicht mehr.

Im Frühliberalismus setzte mit der allgemeinen Vereinsbildung eine besondere katholische ein. Es entstanden unter Führung des autoritären Klerus katholische Bürger- und Bauern-, Gesang- und Turnvereine. So sollten die Vereinsbedürfnisse der Gläubigen befriedigt und sie selber gleichzeitig gegen fremde Einflüsse abgeschirmt werden, um jeglichen Anpassungsprozeß an die nichtkatholische Welt zu unterbinden. Aus dieser katholischen Volksbewegung, damals die größte in Deutschland, entwickelte sich eine katholische Sondergesellschaft, ein aus eigener Initiative geschaffenes katholisches Getto. Es war eine erstaunliche Anpassung der antiliberalen Kirche an den liberalen Zeitgeist bei gleichzeitigem Widerstand gegen jegliche innere Anpassung.

Bei der Reichsgründung entstand eine katholische Partei, das Zentrum. Es war die einzige Volkspartei, die alle Schichten und Stände umfaßte. Das einigende Band war der katholische Glaube.