Von Walther Leisler Kiep

Entwicklungspolitik war in Deutschland noch nie so unpopulär wie gegenwärtig. Die Zahlen, die uns die Demoskopen kürzlich präsentierten, sind niederschmetternd. Sie und die ausbleibenden Erfolgsresultate aus der Dritten Welt drücken der Entwicklungspolitik und und ihren Gestaltern allmählich den Atem ab. Und je mehr die Rechtsradikalen Emotionen à la "Goldenes Bett" hochspielen, je mehr die Linke zur Stimulierung der Revolution in Übersee die Einstellung oder Umfunktionierung der Entwicklungshilfe verlangt, je mehr sich die Politiker der Mitte aus Opportunitätserwägungen von der Entwicklungspolitik zurückziehen, desto fester und schmerzhafter wird der Druck.

In einer Demokratie jedoch kann man nicht auf Dauer gegen erklärte Überzeugungen der Mehrheit regieren. Selbst dann nicht, wenn es um eine so gute und notwendige Sache wie Entwicklungshilfe geht. Schließlich muß jeder Politiker, wenn er nicht politischen Selbstmord begehen will, der öffentlichen Meinung Tribut zollen. Ein besseres Beispiel als die Vereinigten Staaten, deren Etat für Auslandshilfe in diesem Jahr ein Rekordminimum aufweist, gibt es nicht.

Was also ist angesichts dieser Situation zu tun? Gewiß haben wir keine Zeit mehr für große Worte und akademisch-theoretische Erfassung des Begriffes Entwicklungshilfe. All dies erscheint nebensächlich und bindet intellektuelle Kräfte, die andernorts wirkungsvoller eingesetzt werden könnten, zumal es bei Ernsthaften nur noch in Nuancen Meinungsverschiedenheiten gibt. Worauf es jetzt und in Zukunft ankommt, ist die Bereitschaft, aus den Erfahrungen der Vergangenheit die richtigen Konsequenzen für die nächste Dekade der deutschen wie der internationalen Entwicklungspolitik zu ziehen.

Im Hinblick auf die "Innenwirkung" der deutschen Entwicklungshilfe war es offenbar ein verhängnisvoller Fehler, Illusionen über das "rasch zu lösende Problem" nicht energisch genug entgegenzutreten. Dies mußte zwangsläufig dazu führen, daß das Problem selbst nicht ernst genug genommen wurde, daß man es mit der linken Hand bewältigen zu können glaubte. Kurz vor dem Offenbarungseid fiel man ins andere Extrem. Jetzt wurden die Projekte "durchforstet" und die mißlungenen lautstark angeprangert. Durchhalteparolen erklangen, die Ewigkeitsdauer des Problems wurde in Aussicht gestellt.

Offenbar hat niemand dabei bedacht, wie die Masse unseres Volkes darauf reagiert. Sie will nicht ständig mit Hunger und Elend konfrontiert werden. Sie will Erfolge sehen, und dieser Anspruch an die Politik ist durchaus richtig. Dabei bedarf es keiner Manipulation, um Erfolge – wenn auch bescheidene – zu präsentieren. Länder wie Argentinien und Malaysia stehen kurz vor dem "take off", wie man im Fachjargon den Durchbruch in die Sphäre der entwickelten Nationen nennt. Große Teile des Nahen Ostens und Lateinamerikas steuern unaufhaltsam auf diesen Punkt zu. Noch positiver wird die Bilanz, wenn man die Frage stellt: Was wäre geschehen, wenn wir nicht geholfen hätten?