Von Felix Hirsch

Wenigen Historikern unseres Jahrhunderts ist das Glück so hold gewesen wie Arnold J. Toynbee, der am Montag sein achtzigstes Lebensjahr in ungeminderter Schaffenskraft feiern kann. Noch hat seine Feder ihre Magik bewahrt, wovon ein farbenreiches Erinnerungsbuch "Experiences" zeugt, das eben bei der Oxford University Press erscheint. Und er besitzt noch die Energie, sich seiner liebsten Neigung hinzugeben: in der weiten Welt herumzuwandern und fremde Kulturen aus der Nähe zu betrachten.

Seit dem Januar 1966 hat Toynbee das Glücksgefühl, daß sein Lebenswerk vollbracht ist: damals vollendete er das Manuskript eines Buches über Probleme der griechischen Geschichte, den letzten Punkt der "Tagesordnung", die er einst als junger Mensch für sich entworfen hatte. Was für eine "Tagesordnung" das war! Zu ihr gehörte beispielsweise ein zweibändiges hochgelehrtes Werk über "Hannibal’s Legacy", an dem er vor dem Ersten Weltkrieg zu arbeiten begann, das er aber erst 1965 veröffentlichte. Auch sein wissenschaftliches Hauptwerk, die zwölfbändige "Study of History", hatte eine lange Geschichte, wie er überhaupt glaubt, daß der Historiker viel Zeit braucht, damit seine Pläne ausreifen können.

Die Idee einer umfassenden kulturvergleichenden Studie war ihm zuerst im Sommer 1920 gekommen, aber er konnte nicht den rechten Zugang dazu finden. Dann wurde ihm plötzlich das Jahr darauf der Aufbau des Werkes im Umriß klar. Auf der Heimreise vom griechisch-türkischen Krieg, den er als Sonderkorrespondent des "Manchester Guardian" mit scharfem Urteil beobachtet hatte, schrieb er auf einem halben Notizblatt die Hauptpunkte nieder. Anderthalb Jahrzehnte später erschienen die ersten drei Bände, und erst 1961 schloß er das grandiose Unternehmen mit dem zwölften Bande ab, den er bescheiden "Reconsiderations" nannte. Darin rechnete er elegant und überlegen mit seinen gelehrten Widersachern ab, deren er viele besaß, vor allem seinen englischen Kollegen Hugh Trevor-Roper und den holländischen Historiker Pieter Geyl.

Sein weiser englischer Freund George P. Gooch hatte recht, wenn er die "Study of History" als das anregendste historische Werk unserer Generation bezeichnete. Toynbee erweist sich in ihm einem Denker wie Oswald Spengler an Weite des Wissens und Tiefe der Einsichten weit überlegen. In gekürzter Fassung hat sein Werk besonders in Amerika einen ungeheuren Einfluß ausgeübt, und er wird dort auch heute noch viel mehr bewundert als in Europa.

Doch der "Study of History" widmete Toynbee immer nur die Sommermonate. Drei Jahrzehnte lang gehörten seine Hauptenergien dem Chatham House, dem Sitz des Royal Institute of International Affairs. Hier waltete er als Studiendirektor – ein Amt, das vielleicht weniger Prestige hatte, als eine Oxford-Professur ihm hätte bieten mögen, aber auf Prestige hat Toynbee nie etwas gegeben. Als Mann von Charakter gab er 1924 lieber seinen Lehrstuhl für byzantinische und griechische Kultur an der Universität London auf, als daß er seine Entrüstung über die von ihn beobachteten griechischen Greueltaten im Krieg mit der Türkei verbarg.

Im Chatham House wurde er, dessen geistige Heimat im Athen des Thukydides und Sophokles liegt, zum Meister der Zeitgeschichte. Als ein Monument seiner Wirksamkeit im Royal Institute haben wir seinen vielbändigen "Survey of International Affairs", in dem er Jahr für Jahr das Weltgeschehen analysierte. Bei dieser Riesenaufgabe hatte er die Unterstützung seiner späteren Frau Veronica; sie ist bis heute seine unentbehrliche Mitarbeiterin geblieben – von historischen Kommissionen hält Tonybee dagegen gar nichts.