Der Kanzler ist am letzten Sonntag 65 Jahre alt geworden – kein Alter für einen Mann, der so wie er erfüllt ist von dem Drang nach politischer Führung und öffentlichem Ansehen. Doch scheint es, als hätten gut zwei Jahre Kanzlerschaft an Kurt Georg Kiesingers Kräften stärker gezehrt als all die Jahre zuvor in dem eher beschaulichen als zermürbenden Leben des schwäbischen Landesvaters. Er hat sich als Kanzler mit allen seinen Gaben bis zum letzten ausgegeben. Aber im Amt des Chefs der Großen Koalition ist Ruhm wohl am wenigsten zu ernten. Die eigene Partei läßt es ihn spüren. Zweifel regen sich – weniger, ob sich mit ihm als Zugpferd die Wahl am besten gewinnen lasse, wohl aber, ob er, der Zauderer, von dem Holze sei, aus dem der Kanzler der siebziger Jahre geschnitten sein sollte. Doch der Sturz Erhards wirkt als Trauma fort. Als Kanzler einer Großen Koalition scheint Kiesinger gesichert. Alles andere steht in den Sternen. Be.