Von Hermann Weber

In der aktuellen Diskussion um das Rätesystem wird häufig übersehen, daß die Rolle der Räte in der deutschen Revolution 1918 von der historischen Forschung großenteils aufgearbeitet ist. Bahnbrechend war Eberhard Kolbs Untersuchung über die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik (1962). Kolb erhärtete die Auffassung, es habe 1918 keine zwangsläufige Alternative Bolschewismus oder "Weimarer System" gegeben; vielmehr habe die sozialdemokratische Führung, als sie sich mit den alten Mächten verbündete, um den schwachen Linksradikalismus zu bekämpfen, eine elastische Politik unmöglich gemacht und eben dadurch die Massen ins Lager der Radikalen getrieben. Diese Haltung der sozialistischen Führung entsprang ihrem Unverständnis, ja ihrer Feindseligkeit gegenüber den Räten, die selber zunächst der Sozialdemokratie vertrauten.

Eberhard Kolb und Reinhard Rürup haben mittlerweile diese These durch eine umfassende Dokumentation der deutschen Rätebewegung abgestützt. Eine Edition über die Tätigkeit der regionalen und lokalen Räte wird vorbereitet, ein erster voluminöser Band liegt nunmehr vor:

"Der Zentralrat der deutschen sozialistischen Republik, 19. 12. 1918–8. 4. 1919. Vom ersten zum zweiten Rätekongreß"; bearbeitet von Eberhard Kolb unter Mitwirkung von Reinhard Rürup; in: Quellen zur Geschichte der Rätebewegung in Deutschland 1918/19; hrsg. vom Internationaal Instituut voor Social Geschiedenis, Amsterdam und der Komm, für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bonn; Band I; Verlag E. J. Brill, Leiden 1968; LXXVII und 830 S., 150 hfl, 165,– DM.

Der Band enthält 105 Dokumente, in der Mehrzahl ungekürzte Sitzungsprotokolle des Zentralrats (auch über gemeinsame Tagungen mit dem Rat der Volksbeauftragten und dem preußischen Kabinett), außerdem wesentliche Schreiben und Resolutionen. Die Herausgeber haben hervorragende Arbeit geleistet. Mit großer Sachkenntnis wurden die Dokumente in erläuternden Fußnoten aufgeschlüsselt, und viele biographische Hinweise setzen die handelnden Personen ins Licht. In einer instruktiven Einleitung schildern Kolb und Rürup die Entwicklung der Rätebewegung nach der Revolution; detailliert berichten sie über die Wahl des Zentralrats auf dem ersten deutschen Rätekongreß (16. bis 20. Dezember 1918). Ausführliche Biographien aller Ratsmitglieder und Informationen über dessen Stellung, Organisation und Tätigkeit erleichtern die Lektüre.

Die 27 Mitglieder des Zentralrats, die auf dem ersten deutschen Rätekongreß im Dezember 1918 in Berlin gewählt wurden, bildeten bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung im Februar 1919 formal das "Ersatzparlament"; sie sollten die Regierung, den Rat der Volksbeauftragten, parlamentarisch überwachen. Der Rätekongreß hatte jedoch die Kompetenzen des Zentralrats gleich zweimal eingeschränkt: bereits für den Januar 1919 waren Wahlen zur Nationalversammlung ausgeschrieben worden, und außerdem war ein Antrag der Unabhängigen Sozialdemokraten durchgefallen, dem Zentralrat das "volle Recht der Zustimmung oder Ablehnung von Gesetzen vor ihrer Verkündung" zu überlassen. Nach dem Willen der sozialdemokratischen Mehrheit des Rätekongresses sollten die exekutive und legislative Gewalt ausschließlich von der Regierung ausgehen; der Zentralrat sollte lediglich Überwachungsorgan sein. Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, die sehr ungeschickt vorging, hat daraufhin die Wahl des Zentralrats boykottiert. Resultat: Die 27 Kandidaten der Mehrheitssozialdemokratie wurden en bloc gewählt.

Kolb und Rürup beurteilen die Abstinenz der "Unabhängigen" als schwerwiegend, da diese Partei nun nicht unmittelbar auf das politische Geschehen einwirken konnte und der Zentralrat völlig ins Fahrwasser der Regierung geriet. Allerdings hätte die ursprünglich beabsichtigte Beteiligung von neun "Unabhängigen" an den Mehrheitsverhältnissen kaum etwas geändert. Auch der kritikfreudige "linke" Flügel im sozialdemokratischen Zentralrat erhielt bei Abstimmungen meist nur drei Stimmen. Selbst wenn Vertreter der unabhängigen Sozialdemokraten dabeigewesen wären, hätten wohl stets jene dominiert, die vorbehaltlos und ohne kritische Distanz alles billigten, was die Regierung tat, und keinerlei Eigeninitiative zeigten. Vermutlich hätten sogar bei Anwesenheit einer anderen politischen Richtung auch jene Mehrheitssozialdemokraten Parteidisziplin geübt, die im rein sozialdemokratischen Gremium öfter aufmuckten. Ob der Zentralrat mit einer Minderheit unabhängiger Sozialdemokraten also eine andere Politik betrieben hätte, ist sehr fraglich.