Von Hans Gresmann

Wollte man unter den Mächtigen der Welt denjenigen benennen, von dem die Welt am wenigsten weiß – die Wahl fiele gewiß auf Lin Piao. Noch vor ein paar Jahren war sein Name außerhalb Chinas so gut wie unbekannt, und auch noch heute verwischen sich die Konturen dieses Mannes.

Soviel aber ist sicher: Wenn Mao morgen stirbt, wird Lin Piao sein Nachfolger als Partei-Vorsitzender – und damit als Herrscher über 750 Millionen Chinesen. Dieser Entscheidung Maos haben auf dem Pekinger Parteitag eineinhalbtausend Delegierte einhellig ihren Segen gegeben. Das war keine Überraschung, denn schon seit einiger Zeit ließ sich erkennen, daß Lin Piao aus dem Wirrwarr der Kulturrevolution als der stärkste Mann neben Mao aufgetaucht war. Üblicherweise sprach man von ihm als dem "Kronprinzen" – eine Bezeichnung, die zwar eingängig, aber zugleich doch wohl auch unpräzise ist. Denn ein Kronprinz wird mächtig erst an dem Tage, da er das Zepter übernimmt. Lin Piao dagegen ist als Nachfolger ausersehen, weil er schon heute mächtig ist.

Dieser eher schmächtige Mann (er ist fast einen Kopf kleiner als Mao), mit stählernem Willen, aber angegriffener Gesundheit, entspricht durchaus nicht dem genormten Bild des imposanten und markigen Heerführers. Er war nie primär ein Heros auf dem Feldherrnhügel, sondern verkörperte auf allen Stufen seiner militärischen Laufbahn den erst neu in die Geschichte eingetretenen Typus des Guerillaführers: Offizier und Politiker zugleich. In dieser Kombination liegt die Erklärung für seinen Aufstieg bis zur höchsten Spitze.

Hin und wieder taucht bei den Spekulationen über das gegenwärtige Machtgefüge in Peking der Gedanke auf, Lin Piao habe sich in seine starke Position nur dadurch katapultieren können, daß Mao auf ihn, der die Armee, das einzige verläßliche Ordnungselement im heutigen China, fest am Zügel hat, einfach angewiesen sei, denn nur mit Hilfe der Streitkräfte lasse sich das durch die Kulturrevolution zertrümmerte Gefüge von Staats- und Parteiapparat wieder zusammenleimen. Lin Piao erschien als der allmächtige General, Schlüsselfigur in einer kaum noch verkappten kommunistischen Militärdiktatur.

In Wirklichkeit war es offenbar gerade umgekehrt. Seit Lin Piao 1959 Verteidigungsminister wurde, hat er in der chinesischen Armee konsequent das durchgesetzt, was Mao durch. den Gewaltschlag der Kulturrevolution bei den Kadern der Partei und den Apparaten. der Staatsverwaltung zu bewirken suchte: die Auflösung festgefügter Hierarchien – und damit die Rückkehr zum revolutionären Guerillakonzept.

Vielleicht ist sogar die These richtig, daß Mao die Kulturrevolution überhaupt nur riskieren, das heißt, Staat und Partei in ein Chaos stürzen konnte, weil Lin Piao die Streitkräfte – und dies ganz im Sinne Maos – wieder re-politisiert hatte. Er war dabei nach der Devise verfahren: "Wenn man das Denken der Menschen beherrscht, kann man alles beherrschen." Ihm kam es auf moderne Waffen weniger an als auf die kommunistische Indoktrinierung. All jene chinesischen Offiziere, die seiner Auffassung, daß die Ideologie das beste Maschinengewehr sei, nicht zustimmten, fielen der "Säuberung" zum Opfer.