Von Heinz Josef Herbort

Die Fragen sind zwar absurd, aber doch immer wieder verlockend: Wie sähen die "Räuber" aus, wenn Schiller sie heute, etwa als Mitglied der Außerparlamentarischen Opposition, schriebe; wie wäre Michelangelo in der Minimal Art zurechtgekommen; komponierte Mozart heute seriell oder tonal, oder verschriebe er sich gar dem Beat?

Praktische Versuche, Fragen dieser oder ähnlicher Art sozusagen im Nachhinein zu beantworten – Hamlet im Frack war ein solches Ergebnis oder Figaro aus der Sicht Sigmund Freuds –, haben manch einem Regisseur zu einem nicht unbedeutenden Namen verholfen; ob er den bewahren konnte, ob die Ergebnisse künstlerisch den Ansprüchen standhielten, ob die Versuche dem Theater weitergeholfen haben, alles das steht auf einem anderen Blatt.

In der Musik haben sich solche Adaptionsversuche fast immer nur mit ganz bestimmten stilistischen Epochen beschäftigt. Was die Oper betrifft, so hat Mozart weit häufiger als Verdi oder Puccini herhalten müssen, und an Wagners Musikdramen bastelt eine Nach-Wieland-Zeit vergebens herum. Halbrealistisches oder Phantastisches gab da offensichtlich mehr an die Hand als echter Realismus.

Aus dem Bereich der sogenannten autonomen, der nicht textgebundenen Musik scheinen eigentlich nur die stilistischen Elemente des Barock interessant genug, an ihnen das Adaptionsmütchen zu kühlen, sozusagen als Pendant zu der immer höher schlagenden Welle der musikwissenschaftlich erarbeiteten absolut keimfreien Musizierpraxis auf alten Instrumenten in alter Kammertonstimmung. Dabei haben bislang die Pop-Musiker und die Jazzer den Vorreiter gemacht und entsprechend gut verdient. Die Swingle Singers mit Badi-Musik auf die Silben Dabbe-dibbeduuuh, George Gruntz mit "Jazz goes baroque" oder der Pianist Jacques Loussier hatten augenscheinlich eine Marktlücke entdeckt, und auf ihren Spuren bemühten sich Gruppen und Grüppchen aller Art um eine Renaissance alter Klänge im neuen Gewand. Die "Motorik" baiocker Concerti grossi oder Suiten wurde durch "Sving" ersetzt, der Drummer hatte ein konstitutives Element in dieser neuen Interpretation altes Musik zu übernehmen, und die Bezeichnung "Sugarbabies" für die summenden und jaulenden Hintergrund-Vokalisten besagt im Grunde alles. (Merkwürdig noch, daß alle diese "Erneuerungsbestrebungen" ganz bestimmt nicht in Deutschland ihren Ursprung hatten: Im Lande des Thomaskantors wäre eine solche Umfunktionierung sofort als Sakrileg disqualifiziert worden.) Der Spaß an der Freude ist hier weit wichtiger als irgendeine musikalisch relevante Erkenntnis – und niemand hat Grund, sich darüber zu ärgern. Die Pop-Musiker also haben es vorgemacht, und die seriösen, für gewöhnlich in der Tat sehr ernsten Vertreter der Symphonik und Kammermusik haben sich lange geziert. Versuche der Adaption gingen hier allenfalls in die Humoreske, in eine Bearbeitung (Weberns Uminstrumentierung von Bachs sechsstimmigem Ricercar) oder in das Zitat innerhalb einer Collage.

Dabei lag eine andere Idee sehr nahe. Barocke Musik ist nicht oder nur in gewissen Grenzen für spezielle Instrumente geschrieben. Alte Suiten mögen heute entweder von Holz- oder Blechbläsern oder Streichern oder allen zusammen gespielt werden, niemand täte, etwas nachweislich Falsches. Der Amerikaner Walter Carlos war konsequent: Er spielt Bach auf dem Instrument der heutigen Avantgarde, auf dem elektronischen Generator. Das Ergebnis liegt vor auf der Schallplatte

"Barock-Revolution oder Die seltsamen Abenteuer des J. S. Bach im Lande der Elektronen"; Walter Carlos auf dem Synthesizer von Bob Moog, musikalische Assistenz: Benjamin Folkman; CBS 63 501, 19,– DM.