Pin-up-Girls aus dem "Playboy" brachten ehe altehrwürdige psychologische Theorie in Fall – die These von der Willensunabhängigkeit des sogenannten "autonomen" Nervensystems.

Seit Plato schon glaubte man, das Nervensystem des Menschen und der höheren Tiere entsprechend seiner Kontrolle durch den Willen in zwei, prinzipiell verschiedene Komplexe untergliedern zu können: das zerebrospinale (animale) Nervensystem, dem Willen unterworfen und für Funktionen der Skelettmuskulatur wie etwa Sprechen, Laufen, Atmung verantwortlich, und das autonome (vegetative), die "unwillkürlichen" Aktionen wie zum Beispiel Herzschlag, Blutdruck, Nierentätigkeit und Drüsensekretion kontrollierende, von dem man bisher annahm, daß es vom Willen unbeeinflußt arbeite und nur sozusagen automatisch auf Außenreize und Emotionen oder deren physiologische Konsequenzen im milieu Interieur des Organismus anspreche.

Wie nun die Ergebnisse psychologischer Experimente zweier amerikanischer Forscherteams unter Leitung von Professor David Shapiro von der Harvard-Universität und Professor Neal E. Miller von der Rockefeller-Universität in New York zeigen, wird man die herkömmliche Auffassung von der Autonomie des autonomen Nervensystems revidieren müssen; was man nämlich bisher für unmöglich hielt, konnten die Wissenschaftler exakt beweisen: Funktionen des autonomen Nervensystems lassen sich durch bewußte Übung in gleicher Weise vom Willen kontrollieren, wie ein Athlet durch Training die Bewegungen seiner Muskeln zu beherrschen lernt.

Wie das Harvard-Team in der amerikanischen Zeitschrift "Science" (Vol. 163. S. 434) berichtete, stützt sich dieser überraschende Befund auf, die Ergebnisse aufschlußreicher Experimente. Zwei Gruppen von jeweils zehn College-Studenten – alle mit normalem Blutdruck – wurden darauf trainiert, ihren Blutdruck willentlich in verändern; im einen Fall zu erhöhen, im anderen zu erniedrigen. Dies gelang so: Während des jeweils 45minütigen Trainings wurde der Blutdruck der Testperson ständig gemessen. Verbunden mit dieser Meßapparatur war ein "Belohnungsmechanismus", der sich immer dann selbsttätig auslöste, wenn eine Veränderung des Blutdrucks in die gewünschte Richtung nachzuweisen war.

Sollte also beispielsweise ein Student seinen Blutdruck bewußt erhöhen, so reagierte der Belohnungsmechanismus im Verlauf des Tests auf jede Erhöhung des Meßwertes gegenüber dem vorherigen Wert mit einem Lichtblitz und einem Summton (die Testperson konnte also ihre Fortschritte selbst beobachten). Hatte der Getestete durch dauernde Steigerung seines Blutdrucks schließlich 20mal die Belohnungssignale auszulösen vermocht, wurde als Entschädigung für die Mühe fünf Sekunden lang das Bild einer nackten Schönen aus erwähntem Herrenmagazin in die Wand projiziert.

Auf diese Weise gelang es, wie die Forscher berichten, allen Versuchspersonen, ihren Blutdruck in relativ kurzer Zeit nach der gewünschten Richtung hin signifikant zu verändern. Ein Paradoxon indes harrt der wissenschaftlichen Erklärung: Wie die Auswertung der Testergebnisse zeigte, hatten die jungen Männer überraschenderweise mehr Erfolg in der bewußten Drosselung als in der Steigerung ihres Blutdrucks – und das trotz der delikaten Belohnung.

Man mag nun mit Recht einwenden, daß Funktionen des autonomen Nervensystems, so zum Beispiel die Pulsfrequenz, auf dem Umweg über zerebrospinal (also "willentlich" im klassischen Sinne) gesteuerte Vorgänge wie etwa bestimmte Atmungstechniken nachhaltig beeinflußbar sind. Könnte demnach nicht auch in diesem Fall die nachgewiesene Willensabhängigkeit des individuellen Blutdruckwertes von irgendeiner überlagernden und gekoppelten Reaktion des zerebrospinalen Nervensystems vorgetäuscht sein?