Die Beine in den schwarzen Lederstiefelchen arbeiteten den Beatrhythmus mit, der schmale Hintern unter dem schwarzen Leder-Minimini zuckte nach rechts und nach links, schiebt sich vor und dann zurück. Die rauchige Stimme streute Sex in die Menge: "Rattarattarampampam, rattarattarampampam, one and two, one and two, hop now, do it cool, listen to the music, feel the music, dance the music!"

Die Aufforderung zum unterkühlten Hüpfen mit Musikgefühl kam von June Laberta, einer zweiunddreißigjährigen kleinen dynamischen Beattanzbombe, die der internationale Tanzlehrerverband aus New York zum Stuttgarter Tanzlehrerkongreß hatte fliegen lassen; sie sollte zeigen, was heute der letzte Schrei ist, was man können muß, um "top" zu sein: Diskothek- und Gogo-Style-Dancing.

Das, was heute junge Leute überall mit einem natürlichen Gefühl für den Beatrhythmus und ohne Tanzunterricht in den Diskotheken tanzen, gelang den Profi-Tanzpaaren nur mit Mühe. Sie waren eifrig, aber das hoopen aus dem Becken widersprach dem auf Eleganz gedrillten Haltungsmaßstab der Tanzsportler offensichtlich. Man empfand ein bißchen Schadenfreude, wenn man sah, wie die hochgezüchteten Parkettakrobaten passen mußten vor dem, was, wie June Laberta sagte, "one must have it by nature", man muß es von Natur aus haben.

Und "man muß es mögen und wollen", sagte ein deutscher Tanzlehrertrainer aus Hamburg, der, obwohl schon leicht ergraut, den heißen Rhythmus als einziger nicht nur meisterte, sondern der auch wirklich Spaß daran hatte. Dagegen stöhnten zwei junge Tanzlehrerinnen mit hochtoupierten Köpfen: "Wenn sie doch dieses Lederkleid nicht anhätte, wäre das nicht so ordinär und vulgär."

Daß die Sache so humorlos und steif verlief, lag wohl auch daran, daß die Tanzlehrergemeinde ja nicht für sich selber "Philly Dog", "African Twist", "Tighten up" und "Horse" zu erlernen versuchte, sondern für ihre Stammkunden und die, die es werden sollen: die Beatfans. Kann man sie erst einmal mit einem entsprechenden Angebot aus den Beatklubs in die Tanzklubs locken – die Bezeichnung Tanzschule läuft den Bemühungen um ein zeitgemäßes Image entgegen–, lassen sich die Ungezähmten geschickt umfunktionieren.

"Wir sind in puncto Kleidung nicht mehr so pingelig: sie können kommen, wie sie wollen. Nur bei Tänzen, bei denen sie sich anfassen, verlangen wir beim Herrn Jackett. Oder wir machen zwei Abteilungen, einen Beatkeller für die, die sich austoben wollen, und einen Raum für Standard und Lateinamerikanisch. Das nächste Mal. bringen die Fans ihre Jacken mit, damit sie auch gepflegt tanzen können. Wir akzeptieren auch zunächst einmal ihre Umgangsformen: Man muß den Jungen das Gefühl geben, daß sie mitbestimmen können, damit sie merken, daß wir nicht nur ihr Tanzlehrer, sondern auch ihr Kamerad sind. Machen Sie Gogo-Girl- und Gogo-Boy-Tanzwettbewerbe." empfahl der referierende Tanzlehrer seinen Kollegen abschließend, "und Sie werden von den jungen Leuten hören, daß Sie irre, dufte Typen sind".

Natürlich soll die Tanzschule, die ein gutes Geschäft ist, ein noch besseres werden. Deshalb wirbt man jetzt mit mannigfaltigen Definitionen: Tanz als Lebensfreude, Tanz als Sport, Tanz als Therapie, Tanz zum Erlernen von Umgangsformen, von Körperbeherrschung mit gleichzeitiger Körperbefreiung, Tanz als Ästhetik. Im Augenblick sind die Hauptabnehmer dieser Möglichkeiten vor allem Angestellte, Schüler, Ehepaare, Offiziersanwärter und Verbindungsstudenten.

Mit dem festen Willen, auch etwas für den aktuellen Autoritätsabbau beizusteuern, waren Pädagogen, Politiker und Journalisten zur Diskussion geladen. Sie einigten sich, daß das Kennenlernen und das Gespräch befreit werden sollten von der Frage nach der korrekten Anrede. Es soll auch keine Verpflichtung zum Handkuß mehr bestehen; man ist in Zukunft kein schlecht erzogener Mensch, wenn man ihn versäumt, und der Herr muß vom Tisch nur noch aufstehen, wenn die Dame kommt oder endgültig geht, "er darf, wie wir keß sagen, wenn die Dame mal für kleine Mädchen geht, sitzen bleiben", sagte Hans Georg Schnitzer, Leiter des Fachausschusses für Umgangsformen aus Köln, "obwohl", so fügte er noch hinzu, "galante Gesten nun einmal schöne Arabesken sind in unserer nüchternen Zeit". Karin Zeller