Rhöndorf, im April

Der Besucherstrom hat nachgelassen. Aus den Kolonnen, die noch vor Jahresfrist bergan zogen, herangeschafft mit Autobuskarawanen, sind Gruppen und Grüppchen geworden, die sich auf den Weg hinauf zum Friedhof machen. Sanft ansteigend, kaum mehr als eine Fahrspur breit, mit einem Rinnsal an der Seite, führt er in eines der Nebentäler des Siebengebirges, in das der Friedhof eingebettet liegt wie in die Falte eines Mantels. Nach einer Wegbiegung kommt der Eingang, ein einfaches Tor; dahinter steigen die Gräberzeilen terrassenförmig an.

Unten im Rheintal herrscht einige Geschäftigkeit. Der kleine Parkplatz ist noch immer gut gefüllt. Souvenirläden halten von früh bis spät geöffnet, das Sortiment reichlich durchsetzt mit Andenken an den Alten aus Rhöndorf, die Gastwirte kommen auf ihre Kosten. Doch je weiter der Weg bergan geht, desto stiller wird es. So war es auch vor zwei Jahren, als Konrad Adenauer nach einer Woche feierlicher Zeremonien in Bonn und im Kölner Dom den Aufwand dieser Welt hinter sich ließ.

Seitdem hat sich nicht viel verändert. Eine neue Grabkapelle ist entstanden, der Friedhof ist erweitert worden. Aber noch immer ist der Obergang in den Siebengebirgswald so unmerklich, daß die Gräber, viele schon halb eingesunken, mit verwitterten Steinen, wie ein Stück Natur erscheinen.

Das Familiengrab der Adenauers liegt auf einer der obersten Terrassen. Ganz unten auf dem grau-weißen Grabstein mit einer naiv dem Jugendstil nachgeahmten Engelsgestalt steht, die eingeritzten Lettern mit einem schon verblassenden Rot nachgezogen, der Name des ersten Kanzlers, darunter nur das Geburts- und Sterbedatum. Die Grabstätte ist ein wenig größer als die anderen, auch frisch gepflegt und bunt gesprenkelt mit den Blumen, die von vielen Besuchern mitgebracht wurden.

Oft gehen die Neugierigen am Grab zunächst vorbei, weil sie nach prächtigerem Ausschau halten, weil sie ein Gewölbe, einen Marmorsarkophag, irgendein bedeutendes Zeichen erwartet hatten. Aber das gibt es nicht. Es gibt noch nicht einmal genügend Platz, um diskret gezückte Kameras in ausreichenden Abstand zum Objekt zu bringen. Der Ruhm des Toten ist hier nicht zu Stein und Prunk geworden. Es gibt nur sein Grab und die stille, natürliche Würde dieses Friedhofs. Kein Denkmal könnte sie übertreffen.

Carl-Christian Kaiser