Von Karl-Heinz Janßen

"Das Bild bringt in viel kürzerer Zeit, fast möchte ich sagen, auf einen Schlag, dem Menschen eine Aufklärung, die er aus Geschriebenem erst durch langwieriges Lesen empfängt." Adolf Hitler

Es war, um das Urteil vorwegzunehmen, eine große Stunde des Deutschen Fernsehens. Sie ließ etwas von den noch längst nicht und viel zu selten ausgeschöpften Möglichkeiten dieses Mediums ahnen, Phänomene der Zeitgeschichte vor einem Massenpublikum (und nicht nur vor dem anspruchsvolleren Kreise des Dritten Programms) zu analysieren. Welch schöneren Lohn hätten sich die Redakteure und Techniker des Westdeutschen Rundfunks, hätte sich vor allem der Autor Joachim Fest wünschen können, als daß man sich landauf landab über diese Dokumentationssendung die Köpfe heißredet und alle größeren Zeitungen sich darüber auslassen.

Hätte Joachim Fest seine Sendung allerdings so aufgebaut, wie es sich manche Kritiker vorstellen, dann müßte das Urteil heute lauten: "Thema verfehlt". Der Autor nannte seine Arbeit bescheiden "Versuch eines Porträts". Eine Woche vor dem 80. Geburtstag jenes merkwürdigen Mannes, der in zwölf Jahren mehr zerstört und umgekrempelt hat als je ein Deutscher vor ihm, galt es, seinen kometenhaften Aufstieg und seinen Sturz aus schwindelerregenden Höhen zu beschreiben und zu deuten.

Wir wurden Zeugen der experimentellen Schwierigkeiten, das Psychogramm eines demagogischen Genies ins Bild zu setzen. Zuviel durfte man da von vornherein nicht erwarten. Die Lücken sind nicht zu füllen: In den Münchner Bräukellern, in denen sich Adolf Hitler zur Macht emporredete, in den Salons, wo er auf Menschenfang aus war, in den Empfangsräumen der Großbürger, die ihm die Taschen füllten und die Steigbügel hielten – dort surrten keine Filmkameras. Und an den Fingern abzuzählen sind jene Bilder Heinrich Hoffmanns, die Hitler aus der Perspektive seines Kammerdieners zeigen.

Dennoch war es erstaunlich, wieviel neues Bild- und Filmmaterial Fest zutage gefördert hatte, das übrigens geschickt zusammengestellt und einfallsreich geschnitten war. Über den ganzen Film verstreut waren Ausschnitte aus dem bisher nicht freigegebenen Leni-Riefenstahl-Film "Triumph des Willens" vom Nürnberger Reichsparteitag. Etliche neue Funde (auch die Angaben über den Inhalt von Hitlers Schreibtischschubfach) stammten aus dem sehr ergiebigen Archiv des Leibphotographen Hoffmann.

Was vorgeführt wurde, reichte also aus, die Thesen des Autors zu illustrieren. Ihre Wirkung wäre freilich noch größer gewesen, hätte Joachim Fest seinen Text nicht so blitzgescheit, nicht so intellektuell formuliert. Nur wer die verschiedenen Hitler-Essays des Autors schon kannte, vermochte ungetrübt den Einklang von Bild und Wort zu genießen. Aber Fest mag recht haben mit seinem ungebrochenen Optimismus, daß man das Massenpublikum allmählich an höhere Ansprüche gewöhnen kann.