Rudolf Heß "feiert" am 26. April als letzter Gefangener im 1000-Mann-Gefängnis Berlin-Spandau seinen 75. Geburtstag. Am 10. Mai beginnt sein 29. Haftjahr. Was hat dieser Mann vor 28 Jahren verbrochen, von dem Martin Niemöller sagt: "Er hat nichts getan, wofür ein anderer Mensch jemals als Verbrecher bestraft worden wäre."? Wofür muß er heute noch büßen, nachdem Winston Churchill in seinen längst erschienenen Memoiren geschrieben hat: "Was immer die moralische Schuld eines Deutschen gewesen sein mag, der Hitler nahestand, Heß hat in meinen Augen durch seine aufopfernde und fanatische Tat für seine hirnverbrannte Gutgläubigkeit gebüßt."

Ich war im November 1968, dem "internationalen Jahr der Menschenrechte", in Moskau, um Heß’ Entlassung zu bewirken und mußte zu der bitteren Erkenntnis kommen, daß die Russen ihn nie aus menschlichen oder rechtlichen Gründen freilassen werden. Eine Änderung der sturen russischen Haltung könnte nur ein damit verbundener Zwei bringen. Die Russen versuchten sich damals auf den Westen auszureden und verlangten schriftliche Erklärungen der Westmächte, daß diese mit der Freilassung einverstanden seien. Die Westmächte erklärten sich zwar wiederholt aus menschlichen Gründen bereit, sind aber der Meinung, daß sie ohne Russen nichts bestimmen könnten.

Als Österreicherin wurde ich wiederholt gefragt, warum ich mich für einen Deutschen einsetze. Worauf ich leider antworten mußte: Wenn Deutschland sich nicht wagt, etwas zu unternehmen, müssen sich wohl Ausländer einsetzen. Es ist mir unbegreiflich, warum die Bundesrepublik nicht schon längst wenigstens die Zahlungen für Spandau eingestellt hat. Die ehemaligen Alliierten würden sich dann sicher überlegen, ob sich die doppelten Spesen für Spandau lohnen.

Da niemand für Heß verantwortlich ist, wäre wohl der logische Schluß zu ziehen, daß er "freiwillig" weiter im Gefängnis bleibt. Gibt es wirklich keinen Ausweg? Doch, es gibt einen, der leider noch unbekannt ist. Es ist dies die einzige legale Lösung ohne Russen. In den Verwaltungsbestimmungen des Gefängnisses steht nämlich verankert: Wenn sich ein Staat zurückzieht (also Bewachung und Zahlung für Spandau einstellt), ist die Vier-Mächte-Gewalt beendet und das Gefängnis offiziell geschlossen. Die Gefangenen müssen dann der Nation übergeben werden, die sie festgenommen und zum Nürnberger Tribunal gebracht hat. Für Heß ist also gemäß diesem Abkommen dann nur mehr England zuständig, das ohne jeden Zweifel Heß freilassen könnte, ohne daß die Russen noch ein Einspruchsrecht hätten!

Ferner wies der Entdecker dieses bedeutungsvollen Reglements darauf hin, daß abgesehen davon, daß in der westlichen Welt und also in drei der vier verantwortlichen Staaten unter lebenslänglich 15 bis maximal 25 Jahre zu verstehen sind, Einzelhaft nach französischem Gesetz höchstens ein Jahr verhängt werden darf. Rudolf Heß befindet sich aber schon das dritte Jahr in völliger Einzelhaft, die vom Nürnberger Tribunal nicht beabsichtigt war. Wie lange wird wohl das Weltgewissen zu diesem "anachronistischen Skandal" (Golo Mann) noch schweigen?

Gerlinde Haberl, stud. phil., Salzburg