Von Egon Kaskeline

Seit einer Woche heißt der Gouverneur der Bank von Frankreich Olivier Wormser. Wer ist dieser Mann, der jetzt seinen Amtsvorgänger Jacques Brunet abgelöst hat und der offenbar das besondere Vertrauen der Regierung genießt?

Als er noch Wirtschaftsdirektor im französischen Außenministerium war, wurde er von seinen Kollegen im Quai d’Orsay der "große Schweiger" genannt. Diese Charakterisierung, die Bewunderung und Furcht einschließt, verdankt Olivier Wormser seinem undurchdringlich ironischen Lächeln, das er gerne am Verhandlungstisch aufsetzt. In diesem Punkt gleicht er seinem Regierungschef.

."Wormser gehört zur gleichen Blutgruppe wie Couve de Murville", schrieb die Pariser "Monde", als seine Ernennung bekannt wurde. Wie der französische Ministerpräsident scheint auch Wormser keine Nerven zu haben. Er trägt das gleiche Phlegma zur Schau und gebärdet sich mit Vorliebe wie ein Engländer, vielleicht noch sogar ein wenig britischer. Nur selten geht sein gallisches Temperament mit ihm durch, dann aber in heftiger Weise.

Die Ernennung Wormsers zum Notenbankpräsidenten kam insofern überraschend, als sie den Bruch mit einer langen Tradition bedeutet. Man war es gewohnt, daß der Leiter der französischen Währungspolitik aus dem Finanzministerium rekrutiert wurde. Seine Amtsvorgänger stammten fast alle aus der Reihe jener "Finanzinspektoren", die als die Kerntruppe für die oberen Sphären der französischen Verwaltung gelten.

Wormser ist zwar als Sohn eines Bankiers sozusagen ein geborener Finanzmann; aber er hat seine Laufbahn als Diplomat begonnen. Was die "Extratour" rechtfertigt, ist vor allem seine große wirtschaftspolitische Erfahrung. Darin unterscheidet er sich wesentlich von seinem Vorgänger Jacques Brunet. Was er Brunet außerdem voraus hat und seiner Ernennung zum neuen Notenbankpräsidenten ohne Zweifel zugute gekommen sein dürfte, ist die Tatsache, daß er ein "Gaullist der ersten Stunde" ist. Er war einer von de Gaulles Finanzberatern in London. Außerdem ist er ein enger Freund und Mitarbeiter des Ministerpräsidenten.

Wie Couve de Murville hat Wormser im französischen Außenministerium Karriere gemacht. Als Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung ist er zu einer vertrauten Erscheinung auf internationalen Konferenzen geworden.