Von Richard Schmid

Die Periode des Stalinschen Terrors von 1935 bis 1939 und die von Stalin durchgesetzten Nachholungen dieses Terrors nach dem Krieg in den neu unterworfenen Ländern sind die schwerste Hypothek auf dem moralischen und politischen Prestige der Sowjetunion und der sowjetrussischen Kommunistischen Partei. Die fragmentarischen, zaghaft dosierten und zum Teil unklaren Einräumungen, Korrekturen, Rehabilitationen haben den Schock, den die Völker damals erlitten haben, nicht geheilt und das Gift nicht ausgeschieden. Welche Motive Chruschtschow für seine ersten großen Enthüllungen auf dem XX. Parteitag im Februar 1956 gehabt haben mag – sie hätten vielleicht eine Heilung einleiten können, wäre der zeithistorischen Forschung und Literatur eine gewisse Freiheit eingeräumt worden. Statt dessen haben er und die Partei von Anfang an mit dem Stichwort "Persönlichkeitskult" Etikettenschwindel betrieben in der Hoffnung, die monströsen Dimensionen des wirklichen und blutigen Schwindels verschleiern zu können, um die Kontinuität der Macht der Partei nicht zu gefährden. So unsicher fühlte man sich gegenüber der Wahrheit.

Das große Buch eines englischen Schriftstellers und Dichters:

Robert Conquest: "The Great Terror. Stalin’s Purge of the Thirties"; The Macmillan Company, New York 1968; 633 S., 84 sh.

zeigt uns den heutigen Stand der internationalen Forschung und, was besonders wichtig ist, den beklagenswerten heutigen Stand der "Bewältigung" innerhalb der Sowjetunion. Conquest, der schon viel über Rußland publiziert hat und Russisch versteht, gibt sich Mühe, aus dem kritischen Vergleich der Quellen – den amtlichen Prozeß- und Parteitagsprotokollen, sowjetrussischen Zeitungen, Zeitschriften und Nachschlagewerken, Historikertagungen, den Erinnerungen von Überlebenden innerhalb und außerhalb der Sowjetunion, den Darstellungen abgesprungener Apparatleute und so weiter – den Tatbestand herauszuschälen, wobei er umsichtig und vorsichtig zu Werke geht und das Gesicherte vom Wahrscheinlichen sorgfältig unterscheidet. Bemerkenswert ist sein Ausdrucksvermögen und die Gabe der Nuancierung, womit er in die politischen und moralischen Niederungen der schrecklichen Sachverhalte steigt und dem Leser die Orientierung erleichtert.

Aus dem ungeheuren und ungeheuer großen Komplex können nur wenige Einzelheiten wiedergegeben oder angedeutet werden. Conquest bringt die heute kaum mehr zweifelhafte Darstellung des Mordes an Kirow im Dezember 1934, welcher Vorgang die Lawine von Verhaftungen, Erschießungen, Geständnissen und Deportationen der folgenden Jahre auslöste. Eine Andeutung Chruschtschows ließ erkennen, daß man Stalin selber für den Anstifter zu halten hat; das kann heute sowohl nach Motiv wie Hergang als sicher gelten. Kirow war der beliebteste und einflußreichste Mann des Politbüros, von dem Stalin Widerstand bei der radikalen und blutigen Liquidation aller früheren und gegenwärtigen Opposition innerhalb der Partei befürchtete. Durch die ganze Geschichte des Terrors zieht sich die Beobachtung, daß jeder, der bezüglich der Methode oder der Objekte Bedenken erhob, nicht nach Befehl vorging oder auch nur Mißerfolg hatte, sofort selber zum Opfer wurde. Nur ein kleiner Kern bedingungslos gefügiger Komplizen hielt sich. Von den Delegierten des Parteitags von 1934 waren beim Parteitag 1939 nur noch sage und schreibe zwei Prozent gegenwärtig.

Mit ausführlichen Details wird die Geschichte der von Heydrichs Sicherheitsdienst fabrizierten und Stalin auf verschlungene aber gut funktionierende Weise in die Hände gespielten Dokumente zur Belastung Tuchatschewskijs erzählt. Stalin hat von diesen Dokumenten übrigens nach außen keinen Gebrauch gemacht, um die Gefahr eines Dementis auszuschließen, die in einigen anderen Fällen eingetreten war.